Niedrige Ölpreise - Gelegenheit für hohe Profite?

Corona-Krise sorgt für negativen Ölpreis

Die Schlagzeilen waren riesig, als im April 2020 in den USA teilweise deutlich negative Preise für Erdöl gezahlt wurden. Finanzinvestoren hatten keine Abnehmer für ihre Terminkontrakte bekommen. Sie mussten es aber trotzdem abnehmen und haben letztendlich noch dafür bezahlen müssen. 

Dies war die Spitze des Eisbergs, der sich in immer niedrigeren Preisen zeigte. Die Öl-Förderländer sind in ein Szenario hereingerutscht, das am Anfang des Jahres kaum vorstellbar war. Zunächst hatte es große Auseinandersetzungen insbesondere zwischen Russland und Saudi-Arabien gegeben, weil sich Russland nicht angemessen an den Förderkürzungen beteiligen wollte. Der WTI-Preis (West Texas Intermediate) lag bis Februar 2020 noch über 50 US-Dollar pro Barrel ($/B). Saudi-Arabien hatte dann den Ölhahn aufgedreht, wohl um Russland zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Dies geschah sicher in der Absicht, die Russen zu größeren Einschränkungen in der Förderung zu bewegen, was in normalen Zeiten wohl gereicht hätte.

In dieser schwierigen Situation aber brach die Corona-Pandemie aus, woraufhin fast alle Staaten ihre Wirtschaft wesentlich drosselten, um die Ansteckungsgefahren zu reduzieren. Daraufhin brach die Nachfrage nach Öl noch weiter ein. Dies gilt vor allem. in den Bereichen Mobilität und Industrie. Die IEA (International Energy Agency) rechnet für den April 2020 mit einem Rückgang von 29 Mio Barrel pro Tag (B/d) gegenüber dem Vorjahresmonat (vgl. SZ vom 15.4.20), was knapp 30 % entspricht.

Die Kontrahenten in der Opec+ (also mit Russland) konnten sich aber nur auf Förderkürzungen von ca. 10 % einigen, so dass die Nachfragelücke nicht geschlossen werden konnte. Da zudem noch die Vorratslager durch Ausnutzen der günstigen Preise gefüllt wurden, muss das Angebot noch wesentlich mehr eingeschränkt werden. Dies wird lange dauern, weil die meisten Marktteilnehmer auf jeden Dollar angewiesen sind und daher sehr kurzfristig agieren.

Ausnutzen der Preisunterschiede (Arbitrage)


Auch wenn die negativen Preise (nur für das amerikanische WTI) einen Sonderfall darstellten, bleibt die Frage, ob man angesichts der Tiefpreise am Ölmarkt (12 $/B WTI Ende April) nicht Öl kaufen sollte, einlagern und einige Monate später mit einem hohen Aufschlag wieder verkaufen sollte (vgl. zu der Idee auch Reimer in der Wiwo vom 24.4.2020).

Diese Strategie bietet sich umso mehr an, als die Preise in den Terminkontrakten z. B. in 6 Monaten deutlich höher liegen. Damit hätte man sogar einen festen Verkaufspreis. Ansonsten müsste man darauf hoffen, im Herbst einen hohen Kurs vorzufinden. Je nach Szenario könnte er dann noch höher liegen als im Terminmarkt (Forwardmarkt) oder es könnte auch passieren, dass der Preis sich immer noch nicht erholt hat. Ein möglicher Grund läge darin, dass die Förderländer geringe Grenzkosten haben, so dass sie kurzfristig so viel wie möglich fördern, solange der Nettopreis über den Grenzkosten liegt.

Diese Vorgehensweise aber ist nur für wenige Monate haltbar. Denn mittelfristig müssen in einigen Ölfelder neue Bohrungen durchgeführt werden, wofür zurzeit kein Geld verdient wird. Insbesondere in der amerikanischen Fracking-Industrie werden die Förderungen teilweise schon nach wenigen Monaten eingestellt, um an anderer Stelle weiterzumachen. Insofern zeigt der Terminmarkt mit einem Preis von ca. 25 $/B im Herbst 2020 eine realistische Entwicklung.

Das Hauptproblem der Einlagerungsstrategie besteht darin, dass Lager nur schwer zu finden sind. Insofern hat ein Run auf große Tanker eingesetzt, die zudem den Vorteil haben, dass sie bei der Markterholung in die Teile der Welt fahren können, in denen es den höchsten Preis gibt. Aber wie in einer Marktwirtschaft üblich, sind die Tagesraten der Tanker in die Höhe geschnellt. Dies gilt vor allem für die großen wie den VLCC (Very Large Crude Carrier), die ca. 2 Mio Barrel aufnehmen können.

Die Tagesraten sind von 30.000 US-Dollar am Tag ($/d) vor dem Scheitern der Opec-Gespräche auf 300.000 $/d (vgl. Wiwo vom 24.4.2020) gestiegen. Teilweise wurden auch 400.000 $/d bezahlt, wenn die Not - sprich versprochene Abnahmen von Öl - besonders drückte. Wie die folgenden Kalkulationen zeigen werden, wird damit ein wesentlicher Teil der Arbitragegewinne abgeschöpft. Das betriebswirtschaftliche Vergleichsmodell sieht wie folgt aus: Die Verkaufserlöse z. B. im Herbst müssen zur Deckung der folgenden Auszahlungen ausreichen:
  • Auszahlungen für den Kauf des Öls
  • Kapitalkosten auf den Einkaufspreis
  • Tankermiete über z. B. 6 Monate
  • Kapitalkosten auf die Tankermiete

Wichtig ist in solchen Aufgabenstellungen, dass alle Zahlungen auf einen einheitlichen Vergleichszeitpunkt bezogen werden (vgl. Varnholt/Hoberg/Gerhards/Wilms, S. 29 ff.), zumal die hohen Zahlungen zu wesentlichen Kapitalkosten führen. Auch wenn alle Vergleichszeitpunkte theoretisch anwendbar sind, so bietet es sich in dieser Aufgabenstellung an, den Zeitpunkt des Verkaufes als einheitlichen Verkaufszeitpunkt auszuwählen. Die Einzahlungen aus dem Verkauf sind bereits zu diesem Endzeitpunkt fällig. Ggf. müsste eine Abzinsung erfolgen, wenn Zahlungsziele gegeben werden. Abzuziehen sind die hochgezinsten Auszahlungen für den Kauf des Öls und die hochgezinsten Auszahlungen für die Tankermieten. Für letztere wird angenommen, dass sie monatlich vorschüssig bezahlt werden müssen. Da sie im Betrachtungszeitraum von 6 Monaten somit 6 Mal zu bezahlen sind, muss für die Ermittlung ihres Endwertes der vorschüssige Endwertfaktor eingesetzt werden (vgl. Varnholt/Hoberg/Gerhards/Wilms, S. 44 ff.). Als Kapitalkostensatz i (Wacc) sei ein Wert von 10% effektiv pro Jahr angenommen. Damit erhält man für den Endwert EWM der 6 Mietzahlungen die folgende Formel:

EWM = EWFMv * MM in $9 

EWFMv: vorschüssiger Endwertfaktor für die Miete des Tankers
MM Monatsmiete vorschüssig für den Tanker

EWFMv = ((1+i)6 -1) / i * (1+i) = 6,17 in $9 / $3;8

i: Monatlicher Effektivzinssatz

Für den Endwert EWM gilt die Einheit $9. Dies bedeutet, dass die Dollars am Ende des Monats 9 eintreffen (vgl. zu der präziseren Schreibweise Hoberg, S. 468 ff.). Auch der vorschüssige Endwertfaktor ist mit einer präzisen Einheit versehen, bei der im Index angegeben ist, am Ende welchen Monats die Zahlung anfällt. Der Endwertfaktor besagt, welchen Betrag man am Ende der Laufzeit herauskommt, wenn man entsprechend der Anzahl der Teilperioden (im Beispiel 6 Monate) jeweils 1 $ bezahlt. Aus 6 x 1 $3;8 wird somit inkl. Zins und Zinseszinsen ein Betrag von 6,17 €9. Somit gilt die Einheit $9 / $3;8. Wenn dieser Faktor dann mit der vorschüssigen Monatsmiete multipliziert wird, erhält man den Endwert der Tankermiete gemäß der folgenden Abbildung:

Oelpreisungleichgewichte01.jpg
Abb. 1: Ermittlung des Endwertes für Ölarbitrage

Die vorschüssig fällige Monatsmiete ergibt sich in Zeile 6, indem die Tagesmiete mit der durchschnittlichen Anzahl von Tagen pro Monat (365/12) multipliziert wird. Daraus ergibt sich dann in Zeile 10 der Endwert der Mieten in Höhe von 30,96 Mio$9. Für die Anfangsauszahlung – wieder mit der Annahme, dass keine Zahlungsziele anfallen - muss eine 6-monatige Aufzinsung vorgenommen werden, damit die Zahlung auch auf das Ende des 9. Monats bezogen ist. Die Aufzinsung erfolgt mit 1,10,5. Der Verkauf schließlich wird in t=9 zahlungswirksam, so dass keine Verzinsungen notwendig werden.

 Nach diesen Operationen haben alle 3 Größen die Einheit Mio$9, so dass sie jetzt saldiert werden dürfen. Das Ergebnis in Zeile 14 zeigt, dass sich das Geschäft mit den angenommenen Daten nicht lohnen würde. 3 Tabellen für verschiedene Kombination Die Daten in der obigen Kalkulation haben zu einem deutlich negativen Ergebnis geführt. Aber es kann sein, dass es für andere Parameterkonstellationen besser aussieht. Da sich die Daten rasend schnell ändern können, sollen Tabellen für weitere Datensätze angeboten werden, so dass bei neuen Daten sehr schnell entschieden werden kann, ob nun eine Vorteilhaftigkeit vorliegt. In der folgenden Tabelle ist wieder eine Laufzeit von 6 Monaten angenommen:

Oelpreisungleichgewichte02.jpg
Abb. 2: Endwerte bei unterschiedlichen Verkaufspreisen und Mieten bei 6 Monaten

Für die Daten des obigen Beispiels mit einem Verkaufspreis von 25 $/B und einer täglichen Miete von 165 T$/d ergibt sich wieder der negative Endwert von -12,4 Mio$9. Man kann leicht erkennen, dass entweder die Verkaufspreise deutlich höher liegen müssen oder dass die Mietpreise für die Tanker wieder fallen müssen. Im Weiteren sollte man überlegen, ob eine längere Zeitdauer sinnvoll sein könnte. Denn es ist eventuell zu erwarten, dass sich die Ölpreise auf längere Sicht weiter erholen werden und dass die Tagesmieten sinken werden. Daher wird auch eine Tabelle mit 12 Monaten Laufzeit angeboten.

Oelpreisungleichgewichte03.jpg
Abb. 3: Endwerte bei unterschiedlichen Verkaufspreisen und Mieten bei 12 Monaten

Die Tabelle zeigt, dass bei den heute herrschenden Mietkosten von 165 T$/d der Preis schon auf 50 $/B steigen sollte.

Schlussfolgerung


Die außergewöhnliche Lage auf dem Ölmarkt mit sehr geringen Preisen heute und steigenden Preisen in den nächsten Monaten scheint Arbitragemöglichkeiten zu eröffnen. Dies ist aber nicht unbedingt vorteilhaft aufgrund fehlender Lagerkapazitäten. Tanker können eine Alternative sein, wenn ihre Tagesmieten wieder etwas nachgeben. Dann könnte sich ein positiver Endwert ergeben.

letzte Änderung P.D.P.H. am 15.05.2020
Autor(en):  Dr. Peter Hoberg
Bild:  Bildagentur PantherMedia / Dmitriy Shironosov

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Der Autor:
Herr Prof. Dr. Peter Hoberg
Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms. Seine Lehrschwerpunkte sind Kosten- und Leistungsrechnung, Investitionsrechnung, Entscheidungstheorie, Produktions- und Kostentheorie und Controlling. Prof. Hoberg schreibt auf Controlling-Portal.de regelmäßig Fachartikel, vor allem zu Kosten- und Leistungsrechnung sowie zu Investitionsrechnung.
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