Work-Life-Balance finden und halten

Stefan Parsch
"Jemanden aus dem Gleichgewicht bringen" ist eine Redensart, die andeutet, dass die Menschen eine ausgleichende Balance für einen guten Zustand halten. Angesichts der zahlreichen Herausforderungen des modernen Lebens ist es nicht immer leicht, dieses Gleichgewicht zu halten, etwa im Hinblick auf Berufs- und Privatleben. Doch inzwischen gibt es viele Tipps dafür, wie man die Work-Life-Balance finden und halten kann.

Bedeutung von Work-Life-Balance

Der Begriff könnte dazu verleiten, Arbeit (work) und Leben (life) für ein Gegensatzpaar zu halten. Aber das ist damit nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, die berufliche Sphäre und die private Sphäre auszubalancieren. Denn in der heutigen Arbeitswelt scheinen die Anforderungen an Arbeitnehmer und Selbstständige stetig zu steigen und viele können sich diesem Druck nicht entziehen.

Im schlimmsten Fall werden sie zu einem Workaholic: Dieses Kofferwort ist zusammengesetzt aus "work" und "alcoholic". Es deutet an, dass manche Menschen nach Arbeit ebenso süchtig sind wie andere nach Alkohol. Und wie bei jeder Sucht gerät das menschliche Dasein früher oder später aus dem Gleichgewicht.


Mit Work-Life-Balance ist also gemeint, dass die für den Beruf und das Privatleben aufgebrachten Zeiträume in einem Verhältnis stehen, dass man als angemessen empfindet. Das kann bei jedem anders sein: Während für den einen 40 Stunden Arbeit pro Woche die Grenze des Zumutbaren darstellt, kommt eine andere mit mehr als 50 Stunden problemlos klar. Entscheidend bei der Work-Life-Balance ist also das persönliche Empfinden, welche Arbeitszeit akzeptabel oder sogar willkommen ist.

Im Deutschen gibt es auch das Schlagwort von der "Vereinbarkeit von Beruf und Familie". Hier geht es insbesondere um die gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen, die diese Vereinbarkeit ermöglichen, etwa Teilzeitmodelle und andere familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Dieser Begriff ist also nicht gleichbedeutend mit Work-Life-Balance.

Folgen eines Ungleichgewichts zwischen Beruflichem und Privatem

Gelegentlicher Stress ist im Berufsalltag normal. Aber wenn Stress zu einem Dauerzustand wird, kann er die Gesundheit gefährden. Wieviel Stress jemand erträgt oder ob eine bestimmte Situation als stressig empfunden wird, ist individuell verschieden: Während die eine sich auf einen Projektstart freut, weil sie Herausforderungen liebt, bangt ein anderer dem Projektstart entgegen, aus Angst vor Überlastung.

Manche Menschen schaffen es, beruflichen Stress durch erfreuliche Aktivitäten im Privatleben auszugleichen. Das kann die gemeinsame Zeit mit der Familie, eine ehrenamtliche Tätigkeit, ein Hobby oder eine Reise sein. Wer das kann, hat vermutlich seine Work-Life-Balance gefunden. Doch vielen ergeht es eben anders. Sie müssen lernen, auf welchem Weg sie zu einem Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben gelangen können.

Anderenfalls drohen auf lange Sicht Krankheiten, wie Magengeschwüre, Schlafstörungen, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, chronische Kopfschmerzen oder das Burnout-Syndrom. Gerade "Burnout" wird oft in den Zusammenhang mit einer fehlenden Work-Life-Balance gebracht. Gelegentlich gibt es auch eine dauerhafte Unterforderung von Arbeitnehmern, die zu einer krankmachenden Langeweile führen können, dem sogenannten "Boreout".

Wie Berufstätige ihre Work-Life-Balance verbessern können

"Jeder ist seines Glückes Schmied", lautet ein altes deutsches Sprichwort. Nach diesem Motto kann jeder versuchen, seine Work-Life-Balance zu finden. Manchen genügen dabei bereits die unten aufgeführten Tipps, andere benötigen für diese Suche Seminare, wie sie heute in vielfältigen Formen angeboten werden. Wieder andere brauchen einen persönlichen Coach, um zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben zu gelangen. Vielleicht helfen in einem ersten Schritt schon die folgenden Tipps:
  • Reflexion, Selbsterkundung: Es vereinfacht eine Suche, wenn man weiß, wohin man eigentlich möchte. Wie soll das Verhältnis von Beruf und Privatleben aussehen? Unter welchen Bedingungen könnte sich ein Zustand der Zufriedenheit oder des Glücks einstellen?
  • Gesunde Ernährung: Viel Obst und Gemüse, wenig tierische Produkte essen und genug trinken sind die einfachsten Regeln für eine gesunde Ernährung. An den Kosten für eine Ernährungsberatung beteiligt sich oft auch die Krankenkasse.
  • Bewegung: Ausreichende Bewegung und Sport sind ebenfalls wichtig für ein Gleichgewicht im Leben. Denn auch bei Bürojobs unterstützt ein gesunder Körper das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit des Berufstätigen.
  • Ziele formulieren: Wer sich vornimmt, mehr Sport zu machen, sollte dies als konkretes Ziel formulieren: nicht "mehr Sport machen", sondern "mindestens 30 Minuten am Tag bewegen" oder "zweimal pro Woche eine Stunde Rad fahren". Das konkrete Ausformulieren von Zielen hilft natürlich auch im beruflichen Umfeld.
  • Freunde treffen: Oft geht die Arbeit vor, doch Treffen mit Freunden können einem auch neue Kraft für die beruflichen Herausforderungen geben; sie sind ein Stück Lebensqualität.
  • Kein Aufschieben: Viele Menschen neigen dazu, unangenehme Tätigkeiten aufzuschieben, etwa das Schreiben eines mehrseitigen Antrags. Doch je schneller sie erledigt werden, desto weniger belasten sie die Gedanken. Je nach persönlichen Vorlieben eignet sich der Beginn oder das Ende der täglichen Arbeitszeit besonders gut für solche Tätigkeiten.
  • Delegieren: Manche befürchten, dass andere eine Aufgabe nicht so gut bewältigen können wie sie selbst. Sie delegieren nicht, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätten. Sie sollten lernen zu delegieren, auch im privaten Bereich, wo der Partner oder die Kinder Aufgaben übernehmen können.
  • Zeitmanagement 1: Viele Berufstätige haben zu ehrgeizige Pläne und verplanen deshalb ihren ganzen Tag - bis hin zum privaten Teil. Besser wäre es, einen Tag nicht mit Terminen und Aufgaben vollzupacken, sondern Pausen einzuplanen, z. B. vier Viertelstunden zusätzlich zur Mittagspause, und Luft zu lassen für eine spontane Aktion, etwa einen Cafébesuch. Wenn einem das schwerfällt, kann man auch freie Zeit und Freizeitaktivitäten wie berufliche Termine einplanen und in den Kalender schreiben.
  • Zeitmanagement 2: Oft kommen Überstunden dadurch zustande, dass man sich mit - teilweise unwichtigem - Kleinkram aufhält, statt sich auf den Kernbereich seiner Aufgaben zu konzentrieren. Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und das Unwesentliche nur dann zu erledigen, wenn Zeit dafür vorhanden ist, bedeutet einen wichtigen Schritt zur Balance.
  • Jobwechsel: Wenn trotz optimierten Zeitmanagements die Arbeitsbelastung nicht sinkt, sollte man über einen Jobwechsel nachdenken. Für einen neuen Job kommt sowohl dasselbe Unternehmen als auch ein anderes Unternehmen in Betracht.

Was Unternehmen für die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter tun können

Von einer guten Work-Life-Balance profitieren Angestellte und Arbeitgeber. Denn ausgeglichene Mitarbeiter sind meist einsatzfreudiger, leistungsfähiger und fallen nicht so oft aus. Es lohnt sich daher auch für Unternehmen und öffentliche Institutionen, Arbeitnehmer auf dem Weg zu einer angemessenen Work-Life-Balance zu unterstützen, beispielsweise durch diese Maßnahmen:
  • flexible Arbeitszeiten und Modelle, die das Arbeiten in virtuellen Teams und im Homeoffice ermöglichen
  • Förderung von gesunder Ernährung und Bewegung, z. B. durch das Bereitstellen von Obst und Gemüse oder einem gesunden Frühstück einmal im Monat sowie durch Sportangebote und Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge
  • teambildende Maßnahmen zur Förderung der sozialen Kontakte unter den Arbeitnehmern
  • Freizeitangebote für die Pausen oder den Feierabend
  • Förderung des selbstständigen Arbeitens und der Weiterentwicklung der Angestellten
  • Etablieren einer Struktur zur Einreichung von Verbesserungsvorschlägen
    Denn wer Dinge in seinem Arbeitsumfeld ändern kann, identifiziert und engagiert sich mehr für seinen Arbeitgeber.

Pro und Contra zu Resilienztrainings

Der Begriff "Resilienz" stammt - wie übrigens auch "Stress" - aus der Materialwissenschaft. Dort bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Materials, nach Verformungen seine ursprüngliche Form wieder annehmen. In der Psychologie ist mit Resilienz die Fähigkeit gemeint, nach Rückschlägen, traumatischen Erlebnissen oder einer schweren Kindheit (wieder) in ein geregeltes Leben zu finden. Es handelt sich also um eine Widerstandskraft, die manchen angeboren ist, die aber zumindest ein Stück weit auch erlernt werden kann.

Den Widrigkeiten des Alltags besser widerstehen zu können, sehen viele Menschen als erstrebenswert an. Doch es ist umstritten, inwieweit Resilienz erlernt und trainiert werden kann. Einige Kritiker bezweifeln, dass die Resilienztrainings in der angebotenen Form den Teilnehmern helfen können. Kritisiert wird u. a., dass Resilienztrainings dazu verleiten können, nichts an einer problematischen beruflichen Situation zu ändern, sondern sich lediglich belastungsfähiger und stressresistenter zu machen.

Dennoch gibt es Ansätze bei Resilienztrainings, von denen Berufstätige profitieren können. Beispielhaft wird im Folgenden das Konzept "Sieben Säulen der Resilienz" nach Franziska Wiebel vorgestellt (siehe Webtipps). Darin geht es zunächst um die vier inneren Grundhaltungen:
  • Optimismus: Stets das Gute in einer Situation sehen, Rückschläge als Möglichkeiten zum Lernen begreifen.
  • Akzeptanz: Diejenigen Dinge annehmen, die unabänderlich sind.
  • Lösungsorientierung: Nicht über das Problem klagen, sondern auf Lösungen hinarbeiten.
  • Beziehungsorientierung: Sich selbst als Teil einer Gemeinschaft betrachten, die einem hilft und in der man seine Hilfe anbietet.

Ergänzt werden die Grundhaltungen durch drei Praktiken:
  • Selbstwahrnehmung: Gefühle, Emotionen, Gedanken sowie den inneren Zustand bewusst wahrnehmen.
  • Selbstreflexion: Beobachten, was der innere Zustand mit einem macht, wohin er führt.
  • Selbstwirksamkeit: Die Erkenntnisse umsetzen und hinterher die (geänderte) Selbstwahrnehmung überprüfen.




letzte Änderung S.P. am 28.02.2023
Autor:  Stefan Parsch


Autor:in
Herr Stefan Parsch
Stefan Parsch ist freier Journalist und Lektor. Er schreibt Fachartikel für die Portale von reimus.NET und Artikel über wissenschaftliche Themen für die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Für den Verein Deutscher Ingenieure lektoriert er technische Richtlinien. Mehr als zwölf Jahre lang war er Pressesprecher der Technischen Hochschule Brandenburg.
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