Emotionale Intelligenz

Stefan Parsch

Wie emotionale Intelligenz im Berufsalltag hilft

Grundsätzlich wird Intelligenz mit geistigen Fähigkeiten, insbesondere der Fähigkeit zum Lösen von Problemen, beschrieben. Weil das Problemlösen oft im beruflichen Alltag wichtig ist, galt die Intelligenz – gemessen als Intelligenzquotient (IQ) – lange Zeit als bedeutend(st)er Faktor für beruflichen Erfolg.

Dann aber wurde erkannt, dass intelligente Menschen in diesem Sinne nicht unbedingt erfolgreich sind. Es kamen andere Intelligenzkonzepte auf und vor rund 30 Jahren entstanden ein Konzept und ein Begriff, die heute viel diskutiert werden: emotionale Intelligenz.

Bedeutung des Themas in der Wirtschaftswelt

Eine aktuelle Analyse der Harvard Business School in den USA zeigt die Bedeutung, die emotionale Intelligenz in den vergangenen Jahren in der Wirtschaft gewonnen haben. Die Forscher um Management-Professor Joseph Fuller untersuchten rund 5000 Ausschreibungen für Führungskräfte in den Jahren 2007 bis 2017. Sie fanden heraus, dass "emotionale Intelligenz" neben "Selbstbewusstsein" und "Teamfähigkeit" zu den wichtigsten Schlüsselwörtern gehörte.

Das soziale Netzwerk LinkedIn analysierte 2020 die Daten von 660 Millionen Mitgliedern und mehr als 20 Millionen Jobs. Bei den Soft Skills kam "emotionale Intelligenz" in die Top 5, hinter Kreativität, Überzeugungskraft, Teamfähigkeit und Anpassungsfähigkeit. Auch in der Auswertung für Deutschland kam die "emotionale Intelligenz" auf Rang 5, doch davor waren die wichtigsten Eigenschaften für Führungskräfte so angeordnet:

In der Form von Begriffen wie "Einfühlungsvermögen", "soziale Kompetenz" oder "Empathie" wird emotionale Intelligenz jedoch nicht nur von Führungskräften, sondern auch von den meisten Arbeitnehmern erwartet. Auch die Beschäftigten selbst halten sie für wichtig: Bei einer Umfrage des amerikanischen Personaldienstleisters Robert Half International im Jahr 2019 gaben 99 % der 800 befragten Beschäftigten an, dass sie emotionale Intelligenz für eine Fähigkeit im Beruf halten, die jeder mitbringen sollte. Bei den befragten 600 Personalmanagern waren immerhin 95 % dieser Meinung.


Beispiel für geringe emotionale Intelligenz

Philipp Ahaus ist wütend: Obwohl er seinem Team immer wieder Druck gemacht hat, ist eine Konzeption nicht rechtzeitig fertig geworden. Jetzt stehen die Teammitglieder wie begossene Pudel in seinem Büro und lassen seine Schimpftirade über sich ergehen. Dabei scheut Ahaus auch nicht davor zurück, einen korpulenten Kollegen als "lahmarschig" und eine Kollegin als "Heulsuse" zu bezeichnen. Als sie zurück in ihre Büros gehen, denken die meisten Teammitglieder darüber nach, wie lange sie das wohl noch aushalten werden.

Dieses etwas plakative Beispiel zeigt, wie es nicht laufen sollte. Denn auf diese Weise werden Mitarbeiter demotiviert und oft sinkt auch die Leistungsfähigkeit. Als moderne Führung gilt heute ein Management, dass die Beschäftigten bei Projekten emotional mitnimmt und empathisch auf Vorbehalte und Ängste reagiert. Mit anderen Worten: ein emotional intelligentes Management. Und auch die Mitarbeiter selbst können davon profitieren, wenn sie ihre emotionale Intelligenz verbessern.

Konzept der emotionalen Intelligenz

Wenn man möchte, kann man im Begriff der "Herzensbildung", den Johann Wolfgang von Goethe verwendet hat, als einen frühen Vorläufer der emotionalen Intelligenz ansehen. In jedem Fall aber gibt es Überschneidungen mit dem Begriff "soziale Intelligenz", den die amerikanischen Psychologen Edward Lee Thorndike und David Wechsler bereits 1920 verwendeten.

1983 entwickelte der amerikanische Erziehungswissenschaftler Howard Gardner sein Konzept der "multiplen Intelligenzen". Darauf bauten die amerikanischen Psychologen John Mayer und Peter Salovey auf, als sie 1990 den Begriff "emotionale Intelligenz" prägten. Populär wurde der Begriff allerdings erst durch ein Buch des amerikanischen Psychologen und Journalisten Daniel Goleman, der 1995 das Buch "EQ. Emotionale Intelligenz" veröffentlichte.

An seiner Darstellung der Konzeption orientieren sich bis heute die meisten Publikationen zur emotionalen Intelligenz. EQ ist dabei angelehnt an den IQ und es gibt auch wissenschaftlich überprüfte Tests, mit denen die emotionale Intelligenz gemessen werden kann.

Für die Personalführung sieht Goleman drei Aspekte als wesentlich an:
  • soziale Harmonie als Voraussetzung für eine effiziente Teamarbeit 
  • Toleranz der Mitarbeiter gegenüber Minderheiten, sowohl im eigenen Betrieb als auch bei den Kunden 
  • Umgang mit Kritik: empathisch und konstruktiv, nicht persönlich und demoralisierend. Für Goleman entscheidet sich die Personalführung moderner Unternehmen daran, wie gut diese Herausforderungen gemeistert werden.

Kompetenzen emotional intelligenter Menschen

Nach Goleman umfasst die emotionale Intelligenz fünf Einzelkompetenzen:

Emotionale Selbstwahrnehmung

Dies ist die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu kennen und zu verstehen. Idealerweise kann man einschätzen, wie man in einer hypothetischen Situation reagieren würde. Auch die Gedanken und Urteile über eigene Emotionen, positive wie negative, gehört in diese Kategorie. 

Emotionale Selbstregulation

Der Mensch kann zwar nicht steuern, welche Gefühle in ihm aufkommen, aber er kann beeinflussen, wie lange sie andauern und ob es zur Eskalation kommt. Eine lange bekannte Technik, um nicht überzureagieren, ist es, langsam bis zehn zu zählen, wenn man von plötzlicher Wut übermannt wird. Dem renommierten portugiesischen Bewusstseinsforscher António Damásio zufolge sind Verstand und Emotionen eng miteinander verbunden, sodass man mit seinem Verstand auf seine Gefühle bewusst einwirken kann. 

Fähigkeit zu Selbstmotivation und Belohnungsaufschub

Wenn man negative Emotionen, wie Wut, Traurigkeit oder Angst, nicht einhegen kann, dann leidet auch die Verstandesleistung darunter. Wer in der Lage ist, seine Gefühlswelt auf positive Emotionen, wie Freude, Interesse oder Hoffnung, zu lenken, kann eine Motivation aus sich heraus (intrinsisch) erfahren und benötigt nicht ständig eine schnelle Belohnung, etwa einen leckeren Snack. 

Empathie

Damit ist die Fähigkeit gemeint, die Emotionen und Motive anderer Menschen zu erkennen und nachzuempfinden (Einfühlungsvermögen). Je besser Menschen ihre eigenen Gefühle verstehen, desto eher ist es ihnen möglich, die Gefühle anderer wahrzunehmen und nachzuvollziehen. 

Soziale Kompetenz

Die eigene sozialer Kompetenz bestimmt schließlich, wie gut man mit den Emotionen anderer Menschen umgehen kann. Sozial kompetente Menschen können in der passenden Situation die passenden Gefühle in der passenden Art und Weise ausdrücken.

In der Ratgeberliteratur werden zudem folgende Kompetenzen genannt:

Kommunikationsfähigkeit

Die Kommunikationsfähigkeit kann als Teil der genannten Kompetenzen angesehen werden, wird aber oft besonders betont. Sie bezieht sich zudem auf zwei Aspekte: Zum einen können emotional intelligente Menschen aufmerksam und aktiv zuhören und das von anderen Gesagte schnell auffassen, verstehen und einordnen. Zum anderen können sie sich schriftlich und mündlich stets klar und verständlich ausdrücken und ihr Anliegen deutlich machen. 

Beziehungsmanagement

Letztlich ist das Anwendungsgebiet der emotionalen Intelligenz die Beziehung zu anderen Menschen. Wer seine eigenen Gefühle gut versteht, entwickelt auch ein Verständnis für die Emotionen anderer Menschen und kann diese Fähigkeit verwenden, Beziehungen angenehmer und nützlicher zu gestalten.
Als weitere Fähigkeiten im Rahmen der emotionalen Intelligenz werden bisweilen Neugier, Offenheit, Menschenkenntnis und Intuition genannt. Es geht darum, eigene Emotionen zu erkennen, zu verstehen, vorauszusehen und zu beeinflussen sowie dies auch auf die Emotionen anderer zu übertragen.

Studien zur emotionalen Intelligenz

Der Umgang mit den eigenen Emotionen und den Emotionen anderer Menschen hängt grundsätzlich von der Persönlichkeit des Individuums ab. Lange Zeit galten Persönlichkeitsmerkmale als kaum bis gar nicht veränderbar, doch diese Einschätzung hat sich in den vergangenen 20 Jahren geändert. Inzwischen gibt es auch eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, dass Empathie und andere Kompetenzen der emotionalen Intelligenz trainiert werden können.

Victoria Mattingly und Kurt Kraiger von der Colorado State University (USA) haben 2019 58 Studien analysiert, die die Wirksamkeit von Trainings zur emotionalen Intelligenz untersucht haben. Im Durchschnitt aller Studien ergab sich ein positiver Effekt: Demnach können Menschen nach einem entsprechenden Training emotional intelligenter auf bestimmte Situationen reagieren als Menschen ohne Training.

Im deutschsprachigen Raum gehört die Psychologin Astrid Schütz zu den renommierten Forschern auf dem Gebiet der emotionalen Intelligenz. Zusammen mit Kollegen hat sie den amerikanischen "Mayer-Salovey-Caruso Emotional Intelligence Test" (MSCEIT) zur Messung der emotionalen Intelligenz auf deutsche Verhältnisse angepasst. Speziell für Führungskräfte entwickelte sie mit drei Kolleginnen ein Training zur emotionalen Intelligenz. Das alles zeigt, dass "emotionale Intelligenz" nicht nur ein Buzzword oder ein Hype ist, sondern dass sie eine wissenschaftlich fundierte Basis hat.

Tipps zur Verbesserung der emotionalen Intelligenz

Mittlerweile gehören Workshops und Seminare zur Verbesserung der emotionalen Intelligenz zum Repertoire vieler Anbieter von Managementkursen und Weiterbildungen. Solche Maßnahmen sind in der Regel sehr hilfreich, um Anstöße für eine Beschäftigung mit diesem Thema zu bekommen. Insgesamt aber ist der Weg zu mehr emotionaler Intelligenz ein längerer Prozess. Im Folgenden sind einige Vorgehensweisen aufgeführt, die in diesem Prozess nützlich sein können.

Selbstwahrnehmung einüben

Wut und andere negative Emotionen werden in vielen Gemeinschaften, auch in der Kita und in der Schule, als störend empfunden. Deshalb lernen viele Menschen schon früh, solche Gefühle zu unterdrücken. Wer seine Selbstwahrnehmung trainiert, lernt dabei, jede Art von Emotionen, auch die negativen, zu beobachten und irgendwann auch zu verstehen. Das hat viel von dem, was unter dem Konzept der Achtsamkeit bekannt ist. Wer seine eigenen Emotionen versteht, kann auch die emotionalen Äußerungen anderer Menschen besser nachvollziehen. Zugleich ist das Einüben der Selbstwahrnehmung eine Voraussetzung dafür, die eigenen Gefühle so zu beeinflussen, dass sie anderen nicht als unpassend erscheinen. 

Emotionen akzeptieren

Wer die eigenen Gefühle gut kennt, kann ihr Auftauchen auch besser akzeptieren. Das bedeutet nicht, seiner Wut freien Lauf zu lassen, sondern grundsätzlich zuzulassen, dass man auf einen Vorfall emotional reagiert. Denn Emotionen waren in der Evolution des Menschen wichtig, wenn es um Situationen ging, in denen vernunftbasierte Entscheidungen schwierig waren: In einem dunklen Wald veranlasste die Angst, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, oder der Ekel eines bitteren Geschmacks ließ einen Menschen eine womöglich giftige Pflanze ausspucken. Gefühle sollten also nützlich angesehen und bei sich selbst und bei anderen akzeptiert werden. Dabei hilft ein Perspektivwechsel, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. 

Konfliktmanagement verbessern

Emotional belastend sind im modernen Berufsleben neben einer zunehmenden Arbeitsverdichtung auch die Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten. Hier ist es hilfreich, seine Kritikfähigkeit auf zweierlei Weise zu verbessern:
Selbst wenn man Kritik erfährt, die man teilweise als Angriff auf die eigene Person wertet, sollte man sich auf den sachlichen Gehalt der Kritik konzentrieren und sich überlegen, inwieweit diese Kritik berechtigt ist; dann kann man seine Arbeit verbessern. Wenn man selbst derjenige ist, der kritisiert, sollte man seine eigenen Emotionen so weit zügeln, dass man nur die sachliche Kritik anbringt und insgesamt eine lösungsorientierte Grundhaltung einnimmt.

Ein wesentlicher Aspekt zur Verbesserung des Konfliktmanagements ist es, die eigene Kommunikationsfähigkeit zu verbessern, damit man mit Kollegen und Vorgesetzten nicht aneinander vorbeiredet. 

Emotionale Motivation stärken

Wer als Führungskraft die Leistung und Effizienz eines Teams verbessern möchte, sollte auf eine emotionale Motivation setzen. Denn Lob, Anerkennung und Wertschätzung sind in der Regel sehr effektive Mittel, um die Leistungsfähigkeit von Beschäftigten zu erhöhen. Dabei kommt es einerseits darauf an, Lob und Anerkennung richtig zu dosieren und nicht inflationär zu verwenden. Andererseits müssen beide Äußerungen auf die einzelne Person abgestimmt werden. Während für manche Leute mehr Lob auch mehr Ansporn bedeutet, lassen andere bei häufigem Loben in ihrer Leistung nach, weil sie der Meinung sind, es laufe gut und weitere Anstrengungen seien nicht notwendig.

Ein allgemein wertschätzender Umgang kann ebenso motivierend sein. Dafür sollte sich die Führungskraft Zeit nehmen, denn wie Goleman festgestellt hat, ist das Mitgefühl für andere umso geringer, je größer der gefühlte Zeitdruck ist. Wer sich Zeit für persönliche Gespräche nimmt, ist üblicherweise empathischer; ihm fällt es auch leichter, Lob und Anerkennung auszudrücken. 

Blick von außen erbitten

Häufig stimmen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung nicht überein. Wer also der Meinung ist, beim Prozess zu mehr emotionaler Intelligenz gut vorangekommen zu sein, kann andere Personen bitten, ihm Rückmeldung zu geben, beispielsweise im Hinblick auf die Bewertung einer Situation. Solch ein Feedback kann wertvolle Anregungen für den Weg zu einer verbesserten emotionalen Intelligenz geben.




letzte Änderung S.P. am 15.05.2023
Autor:  Stefan Parsch
Bild:  Bildagentur PantherMedia / AllaSerebrina


Autor:in
Herr Stefan Parsch
Stefan Parsch ist freier Journalist und Lektor. Er schreibt Fachartikel für die Portale von reimus.NET und Artikel über wissenschaftliche Themen für die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Für den Verein Deutscher Ingenieure lektoriert er technische Richtlinien. Mehr als zwölf Jahre lang war er Pressesprecher der Technischen Hochschule Brandenburg.
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