Neulich im Golfclub: Spritpreiserhöhungen in der Kalkulation

Prof. Dr. Peter Hoberg
Es war wieder soweit. Nach einer anstrengenden Woche trafen sich die erfolgreichen Unternehmer der Kleinstadt wieder im örtlichen Golfclub, weniger des Sportes wegen, sondern hauptsächlich, um unter sich zu sein. Sie saßen im gemütlichen Kaminzimmer und wurden von Ihrer Lieblingskellnerin Pauline bedient. Sie war BWL-Studentin und freute sich schon immer auf die Unternehmerrunde.

Neben den großzügigen Trinkgeldern gab es häufig amüsante Streitgespräche, im Laufe derer die Unternehmer ihr Praxisferne vorwarfen, sie aber häufig mit neuen betriebswirtschaftlichen Erkenntnissen ganz frisch aus der Vorlesung für Verblüffung sorgen konnte. Dies war für die erfolgsgewohnten Unternehmer nicht ganz unwichtig, denn als Patriarchen der alten Schule gab es in ihren Unternehmen keine ausgeprägte Diskussionskultur. Viele ihrer Mitarbeiter hatten sich damit abgefunden, dass der Chef immer Recht hatte und wagten kaum noch, auf Probleme hinzuweisen. Auch deswegen war der Golfclub nützlich, denn von Kollegen konnte man ja Ratschläge (und natürlich Aufträge) annehmen.

Der Ablauf der munteren Runde startete immer gleich. Nachdem jeder unaufgefordert sein Lieblingsgetränk erhalten hatte, wurde gefragt: „Nun, Paulinchen, was hast Du denn diese Woche Besonderes an der Hochschule gelernt?“ Meist wurde noch ein Studentenwitz angehängt (schön, dass Du uns zuliebe schon um 15 Uhr aufgestanden bist). 

In dieser Woche stand natürlich das Thema des Irankrieges im Mittelpunkt der Diskussionen. Durch die Sperrung des Golfes von Hormus konnte ca. 1/5 des Weltölexportes nicht passieren. Diese Nachrichten führen zu einer Explosion der Öl- und Gaspreise, obwohl es noch an keiner Stelle zu Knappheit kam. In solchen Situationen herrscht Preisunsicherheit oder um es mit dem Modewort VUCA zu sagen: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität (Complexity) und Mehrdeutigkeit (Ambiguity).

Fritz Fuhrwerk, der Leiter einer Spedition, war empört: „Der Dieselpreis ist durch die Decke gegangen und ich muss jetzt über 2 Euro pro Liter bezahlen.“ Dabei vergaß er zu erwähnen, dass er sich die Vorsteuer zurückholen konnte …

Fast alle in der Runde stimmten überein, dass die Preissteigerungen eine böse Abzocke der Ölindustrie und der Tankstellen seien.

Stefan Steuer, der Chefcontroller eines großen Markenartikelunternehmens, präzisierte: „Ganz so eindeutig ist die Angelegenheit nicht. Ein Teil der Preissteigerungen ist berechtigt, weil auch der Weltmarktpreis in der letzten Woche stark gestiegen ist, nämlich von ca. 70 $ pro Barrel am 2.3.26 auf über 90 am 6.3. Das sind 20 $ mehr, was ca. 15 Eurocents pro Liter entspricht. Dazu kommen noch erhöhte Transport- und Absicherungskosten.

Kurt Kappe war sauer: „Aber die Erhöhung lagen doch bei über 30 Eurocents! Auf jetzt über 2 € pro Liter. An den Autobahnen habe ich auf der A6 sogar 2,559 gesehen. 

Gerold Steiner, der Chef eines Mineralbrunnens, bemerkte: „Die Grünen werden begeistert sein, dass endlich der Preis von 5 DM pro Liter geknackt ist.“

Dieter Durchblick, der Wirtschaftsredakteur, forderte die Runde heraus: „In Euren Unternehmen müsst Ihr Euch fragen, welcher Wertverzehr („Schaden“) verursacht wird, wenn an einem bestimmten Tag z. B. 1.000 Liter Diesel eingesetzt wird. Die Bewertung gestaltet sich zurzeit schwierig, weil sich die Preise so schnell ändern.“ Er wandte sich zu Pauline: „Kannst Du das Beispiel fortführen?"

Pauline bejahte: „Das Unternehmen möge den Dieselkraftstoff zu 1,70 €/l eingekauft haben, so dass im üblichen Rechnungswesen ein Rohstoffeinsatz von 17.000 $t verbucht wird."

Titus Titanic, der Risikomanager, nickte und stellte die Frage: „Wenn Ihr jetzt kalkulieren müssen, welchen Wert setzt Ihr an, wenn nächste Woche zu 2,10 €/l nachgekauft werden muss?“

Die Runde, die eben noch laut gegen die erhöhten Preise protestiert hatte, wurde etwas ruhiger: 

Baltasar Busse, der Besitzer eines Reisebusunternehmens, gab zu: „Klar, wenn ich nächste Woche bereits den hohen Dieselpreis bezahlen muss, werde ich heute nur fahren, wenn ich für den Einsatz meines Dieselvorrats den hohen Preis durchsetzen kann."

Dieter Durchblick bestätigte: „Richtig, Ihr wollte den Gewinn aus der Lagerhaltung bzw. aus langfristig Verträgen behalten. Denn im umgekehrten Fall müsst Ihr die Verluste selbst tragen. Es muss also zu den erwarteten Wiederbeschaffungskosten kalkuliert werden.“

Bernd Bohrer, der Zahnarzt, beklagte: „Das mit den Wiederbeschaffungskosten haben wir verstanden. Aber es bleibt trotzdem der Verdacht – auch wegen des obigen Beispiels - , dass zusätzlich abkassiert wird."

Stefan Steuer gab zu bedenken, dass ein Grund für die hohe Preissteigerung in der mittelfristigen Erwartung weiter steigender Energiepreise liegen könnte. Es ist also nicht nur Abzocke.

Bernd Bohrer fragte: „Gibt es denn andere Industriezweige, die von den hohen Preisen profitieren?"

Willi Watt, der Chef des örtlichen Energieversorgers, antwortete: „Ja, z. B. die Anbieter erneuerbaren Energien. Sie bekommen nach dem Merit Order Prinzip den Preis in der Höhe der Grenzkosten des letzten eingesetzten Kraftwerk, was meistens ein fossiles Kraftwerk ist. Diese Grenzkosten bestimmen für alle Anbieter den Preis. Wenn jetzt die Brennstoffkosten steigen, gibt es für viele Windkraft- und Photovoltaikanbieter hohe Übergewinne."

Für einige in der Runde waren die Diskussionen ein Weckruf. Sie wollten gleich am Montag kontrollieren, ob ihre Mitarbeiter auch die Wiederbeschaffungskosten in den Kalkulationen angesetzt hatten.



Literaturempfehlungen:

Hoberg, P.: Controllers Trickkiste: Wiederbeschaffungskosten nach der Trump-Rezession, in: https://www.controllingportal.de/Fachinfo/Kostenrechnung/controllers-trickkiste-wiederbeschaffungsko..., 02.05.25




letzte Änderung P.D.P.H. am 04.05.2026
Autor:  Prof. Dr. Peter Hoberg
Bild:  Bildagentur PantherMedia / AnnaOmelchenko


Autor:in
Herr Prof. Dr. Peter Hoberg
Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms. Seine Lehrschwerpunkte sind Kosten- und Leistungsrechnung, Investitionsrechnung, Entscheidungstheorie, Produktions- und Kostentheorie und Controlling. Prof. Hoberg schreibt auf Controlling-Portal.de regelmäßig Fachartikel, vor allem zu Kosten- und Leistungsrechnung sowie zu Investitionsrechnung.
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