Green Controlling als Teil einer integrierten Unternehmenssteuerung

Prof. Dr. Peter Werner
Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde, so auch in der Betriebswirtschaftslehre. Inzwischen ist der Begriff auch im Controlling angekommen. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, nachhaltige Aspekte zu ignorieren (z. B. in der Beschaffung, in der Produktion oder im Marketing). Doch was bedeutet es, Nachhaltigkeit im Controlling zu berücksichtigen oder gar die Unternehmessteuerung nachhaltig auszurichten? Dieser Artikel analysiert die Idee und die zentralen Aspekte eines nachhaltigen Controllings, auch Green Controlling genannt. Außerdem werden die möglichen Implikationen eines Green Controllings auf eher traditionell ausgerichtete Controlling Ansätze behandelt.


Controlling Instrumente werden seit vielen Jahrzehnten in ganz unterschiedlichen Organisationen angewendet - vom kleinen Mittelständler bis zum multinationalen Unternehmen, in privatwirtschaftlich orientierten Unternehmen und in non-profit Organisationen etc. Zu den zentralen Aufgaben von Controllern zählen die Sammlung, Auswertung und Aufbereitung entscheidungsrelevanter Informationen für das Management.

Entscheidungsträger werden dabei durch ein transparentes und zeitnahes Management Reporting unterstützt, das betriebswirtschaftlich relevante Daten strukturiert zur Verfügung stellt. Durch den Einsatz von Planungs- und Kontrollinstrumenten soll die Zielerreichung steuernd gewährleistet werden (vgl. Horváth/Gleich/Seiter, 2024, S. 26-57; Weber/Schäffer, 2022, S. 39f.).

In den letzten Jahren wird von Unternehmen verstärkt die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit gefordert. Dies hat inzwischen auch Eingang in die Betriebswirtschaftslehre gefunden (vgl. beispielhaft Ernst/Sailer/Gabriel, 2021).

Da das Controlling eine Kernfunktion der Betriebswirtschaftslehre darstellt, ergibt sich die Frage, wie ein nachhaltiges Controlling bzw. ein Green Controlling ("grünes Controlling" oder Ökocontrolling) ausgestaltet werden soll und was der Grundgedanke dahinter ist. Diese Fragen sollen in dem vorliegenden Artikel näher betrachtet werden.

Idee des Green Controllings

Erste Ansätze zum Green Controlling lassen sich bis in die 1990er Jahre zurückverfolgen. Allgemein kann man darunter solche Controlling-Aktivitäten verstehen, die ein Nachhaltigkeitsmanagement und eine nachhaltige Unternehmensentwicklung gezielt unterstützen. Damit ist die Grundausrichtung zunächst sehr ähnlich wie im Vergleich zu eher traditionellen Controlling-Konzeptionen (z. B. koordinationsorientierte oder rationalitätsorientierte Ansätze), nämlich die Informationsversorgung von Entscheidungsträgern sicherzustellen.

Der besondere Schwerpunkt des Green Controllings liegt jedoch im Bereich von ökologisch relevanten Informationen und deren sinnvolle Integration in ein Management Berichtswesen. Hierbei sollten die folgenden drei Perspektiven der Nachhaltigkeit (sog. 3-SäulenModell) besonders berücksichtigt werden: die ökonomische, die ökologische und die soziale Perspektive.

Die ökonomische Perspektive beschreibt inwieweit für nachfolgende Generationen eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand vorhanden sein sollte. Die ökologische Perspektive betont Natur und Umwelt sowie deren Erhaltung für die Zukunft. Inhalt der sozialen Perspektive ist es, eine Gesellschaft zu erhalten, die dauerhaft als lebenswert angesehen werden kann (vgl. Sailer, 2024, S. 18-23). Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit liegt folglich darin, ein ökologisches System so zu nutzen, dass es in seinen wesentlichen Eigenschaften für künftige Generationen erhalten bleibt und sich selbst regenerieren kann.

Aufgaben des Green Controllings

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass es keinen allgemeingültigen Typ eines Green Controllings gibt, der direkt im Unternehmen implementiert werden kann. Die Ansätze und Aufgabenstellungen in der Praxis sind dafür zu komplex und vielschichtig. Ein erster Ansatzpunkt zur Implementierung eines Green Controllings besteht darin etablierte Controlling-Prozesse und -Instrumente um Nachhaltigkeitsaspekte zu erweitern und zu ergänzen.

Eine zentrale Vorbedingung zur Implementierung des Green Controllings betrifft außerdem die Organisation der Controllingabteilung selbst, insbesondere die Aufbauorganisation. Es ist wenig sinnvoll diese einfach um einen eigenen (neuen) Bereich "Green Controlling" o. ä. zu erweitern. Dies würde eine integrierte Unternehmenssteuerung aus einer Hand (d. h. einschließlich der Nachhaltigkeitsaspekte) konterkarieren (vgl. Sailer, 2024, S. 93f.). Es ist vielmehr ein kontextspezifisches und schrittweise integrierendes Vorgehen angeraten.

Aus strategischer Perspektive besteht eine zentrale Aufgabe des Green Controllings in der Unterstützung einer ökologisch ausgerichteten Strategie- und Zielbildung. Dabei sind solche strategischen Erfolgspotenziale zu identifizieren und zu konkretisieren, die Randbedingungen für künftige Erfolgs- und Liquiditätswirkungen erkennen lassen. Hilfreich hierfür sind Markt- und Wettbewerbsanalysen unter Berücksichtigung von ökologischen Aspekten.

Eine weitere wichtige Aufgabe des Green Controllings ist ein ökologieorientiertes Messen, Analysieren und Bewerten von betriebswirtschaftlichen Sachverhalten. Ähnlich wie beim "traditionellen" Controlling bietet sich hier die Entwicklung geeigneter Kennzahlen bzw. Kennzahlensysteme an. Allerdings sollte der besondere Schwerpunkt auf den potenziellen Umweltwirkungen liegen. Als mögliche Instrumente können ökologisch nachhaltige Investitionsrechnungen oder Öko-Balanced Scorecards in Erwägung gezogen werden. Auf die möglichen Instrumente eines Green Controllings wird weiter untern noch näher eingegangen.

Als Querschnittsaufgabe bei einem Green Controlling-Ansatz könnte eine bereichsübergreifende Beratung ausgebaut werden. Dies beinhaltet die Beratung und Sensibilisierung von verschiedenen Anspruchsgruppen im Unternehmen in Bezug auf Umweltaspekte und deren Wirkungen. Hierbei geht es in einem ersten Schritt zunächst um das Bewusstmachen und Hinterfragen von ökologischen und ökonomischen Wechselwirkungen. In weiteren Schritten könnten dann Verbesserungen und Optimierungen angestrebt werden. Sollte ein Unternehmen über etablierte Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanager verfügen, wäre eine Zusammenarbeit zwischen diesen und dem Controlling eine sinnvolle Ergänzung.

Da die Nachhaltigkeitsthematik für Controller häufig eine neue (und zum Teil etwas ungewohnte) Materie darstellt, sind im Vorfeld geeignete Schulungsmaßnahmen unabdingbar. Auch im weiteren Verlauf sind permanente nachhaltigkeitsspezifische Schulungen notwendig.

Instrumente des Green Controllings

Um die Ziele und Aufgaben eines Green Controllings im Unternehmen zu unterstützen, ist der Einsatz verschiedener Instrumente möglich. Diese lassen sich je nach Entwicklungsstufe in drei Gruppen einordnen. In der ersten Gruppe sind traditionelle Methoden anzutreffen. Diese Methoden legen neben betriebswirtschaftlichen Aspekten einen weiteren Fokus auf ökologische Gesichtspunkte. Zu nennen sind hier hauptsächlich längerfristig orientierte Methoden des Kostenmanagements wie zum Beispiel die Prozesskostenrechnung (Activitybased Costing), die Lebenszykluskostenrechnung (Life Cycle Costing) und die Zielkostenrechnung (Target Costing). Wie bereits erwähnt werden insbesondere ökologische Aspekte bei diesen Analysen mitberücksichtigt.

Zur zweiten Gruppe gehören solche Instrumente, die in Bezug auf Umweltwirkungen weiterentwickelter und detaillierter sind als diejenigen der ersten Gruppe. Umweltwirkungen und externe Effekte werden hierbei als wesentliche Einflussgrößen betrachtet. Beispielsweise stellt der Schadenskostenansatz den in Geldeinheiten ausgedrückten Schaden, der durch eine Umweltschädigung entsteht, in den Vordergrund. Dieser wird relativ häufig von Unternehmen angewendet.

Eine zweite wichtige Methode ist der so genannte Vermeidungskostenansatz. Davon ausgehend, dass Verschlechterungen der Umweltqualität bei den Betroffenen Anpassungshandlungen auslösen, könnten die hierfür (potentiell) anfallenden Kosten als möglichen Anhaltswert für die Umweltschädigung verwendet werden. Beide Methoden lassen sich mit einer Ökobilanz kombinieren, so dass auf systematische Weise die Umweltwirklungen, z. B. von Produkten während des gesamten Lebenszyklus, analysiert werden können. Kritisch ist anzumerken, dass es nicht immer ganz einfach ist, tatsächliche oder potenzielle Umweltschäden genau zu ermitteln und zu quantifizieren.

In die dritte Gruppe fallen sehr spezifische Ansätze und Instrumente, die Umweltwirkungen sichtbar und bewertbar machen. Hierzu zählen z. B. Stoff- und Energiebilanzen, die das Verhältnis zwischen sinnvoller Nutzung und Verbrauch von Energie mit Blick auf ökologische Auswirkungen darstellen. Eines der wichtigsten Instrumente ist der so genannte Carbon Footprint (CO2-Fußabdruck). Dabei werden alle klimawirksamen Treibhausgase erfasst und in einer so genannten Treibhausgasbilanz zusammengestellt.

Der Energieeinsatz wird dadurch transparent, da sämtliche Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette systematisch und detailliert erfasst werden. In ähnlicher Weise kann der so genannte Water Footprint (Wasserfussabdruck) verstanden werden. Dies ist die Gesamtmenge an Wasser, die ein Unternehmen in einer bestimmten Periode verbraucht. Hierbei wird neben dem direkten Wasserverbrauch auch der indirekte Verbrauch mit eingerechnet, z. B. durch Verschmutzung oder durch Verdunsten (vgl. Sailer, 2024, S. 176-209)

Insgesamt sollten Unternehmen bei der Auswahl geeigneter Instrumente situativ und überlegt vorgehen. Ähnlich wie bei klassischen Kennzahlen ist es im Vorfeld wichtig die Bedeutung und Aussagekraft von Instrumenten sowie mögliche Wirkungszusammenhänge transparent zu machen.

Fazit

Angesichts der Herausforderungen durch den weltweiten Klimawandel könnte sich das Green Controlling in Zukunft zu einem sehr spannenden und kaum zu ignorierenden Themenfeld für Unternehmen entwickeln. Trotz alle dem wird sich das Green Controlling sehr wahrscheinlich nicht zu einer gesonderten Controllingfunktion hin entwickeln, die von Spezialisten vertreten wird. Das sollte es auch nicht. Vielmehr sollte es als integraler Bestandteil eines Gesamt-Unternehmenscontrollings aufgefasst werden.

Controller sollten sich daher das erforderliche ökologische Fachwissen und die notwendigen Qualifikationen aneignen. Nur dann können sie als kompetente Ansprechpartner auftreten und werden als Business Partner ernst genommen. Zudem tragen sie erst dann eine echte Mitverantwortung bei der Zielerreichung – vor allem in ökologischer Hinsicht.


Quellen:
  • Ernst, Dietmar/Sailer, Ulrich/Gabriel, Robert (Hrsg.) (2021): Nachhaltige Betriebswirtschaft, 2. Aufl., Tübingen.
  • Horváth, Péter/Gleich, Ronald/Seiter, Mischa (2024): Controlling, 15. Aufl., München.
  • Sailer, Ulrich (2024): Nachhaltigkeitscontrolling, 5. Aufl., München.
  • Weber, Jürgen/Schäffer, Utz (2022): Einführung in das Controlling, 17. Aufl., Stuttgart.




letzte Änderung P.D.P.W. am 19.03.2026
Autor:  Prof. Dr. Peter Werner


Autor:in
Herr Prof. Dr. Peter Werner
Prof. Dr. Peter Werner lehrt Allgemeine Betriebswirtschaftslehre insbesondere Rechnungswesen und Controlling an der Frankfurt University of Applied Sciences. E-Mail: [email protected]
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