Neulich im Golfclub: Was sagt die Armutsquote aus?

Es war wieder soweit. Nach einer anstrengenden Woche trafen sich die erfolgreichen Unternehmer der Kleinstadt wieder im örtlichen Golfclub, weniger des Sportes wegen, sondern hauptsächlich, um unter sich zu sein. Sie saßen im gemütlichen Kaminzimmer und wurden von Ihrer Lieblingskellnerin Pauline bedient. Sie war BWL-Studentin und freute sich schon immer auf die Unternehmerrunde. Neben den großzügigen Trinkgeldern gab es häufig amüsante Streitgespräche, im Laufe derer die Unternehmer ihr Praxisferne vorwarfen, sie aber häufig mit neuen betriebswirtschaftlichen Erkenntnissen ganz frisch aus der Vorlesung für Verblüffung sorgen konnte. Dies war für die erfolgsgewohnten Unternehmer nicht ganz unwichtig, denn als Patriarchen der alten Schule gab es in ihren Unternehmen keine ausgeprägte Diskussionskultur. Viele ihrer Mitarbeiter hatten sich damit abgefunden, dass der Chef immer Recht hatte und wagten kaum noch, auf Probleme hinzuweisen. Auch deswegen war der Golfclub nützlich, denn von Kollegen konnte man ja Ratschläge (und natürlich Aufträge) annehmen. Der Ablauf der munteren Runde startete immer gleich. Nachdem jeder unaufgefordert sein Lieblingsgetränk erhalten hatte, wurde gefragt: „Nun, Paulinchen, was hast Du denn diese Woche Besonderes an der Hochschule gelernt?“ Meist wurde noch ein Studentenwitz angehängt (schön, dass Du uns zuliebe schon um 15 Uhr aufgestanden bist).

Was sagt die Armutsquote aus?

Es waren gerade die neuesten Zahlen zur Armutsquote publiziert worden. Danach waren 16,6% oder 13,8 Millionen Personen in Deutschland armutsgefährdet. Norbert Naseweis, der Marketingberater, bemerkte dazu, dass die vielen Armen im reichen Deutschland ein Skandal seien. Alle nickten bestätigend, aber etwas vorsichtig, weil sie fürchteten, als nächstes mehr Steuern für einen Ausgleich zahlen zu müssen.

Kurt Kappe, der Hersteller von Flaschenverschlüssen, unterstrich: "Die Warteschlangen an den Tafeln werden immer länger. Das darf nicht wahr sein."

Stefan Steuer, der Chefcontroller eines großen Markenartikelunternehmens, musste noch auf zusätzliche Probleme hinweisen: "Das Problem wird in den nächsten Monaten den Politikern um die Ohren fliegen, wenn die Bürger sehen, wie die Kaufkraft durch die Inflation zusammenschmilzt. Und dann werden viele ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Das kann schon passieren, wenn der Vermieter die Vorauszahlungen für die Nebenkosten an das neue extrem hohe Preisniveau bei Öl und Gas anpasst. Es droht somit in Deutschland ein großes Armutsproblem."


Dieter Durchblick, der Wirtschaftsredakteur, nickte und ergänzte: "Schlimm ist, dass die Armutsquote gar nicht die Armut misst. Ihre Definition ist nicht valide, sie misst also nicht das, was sie soll. Pauline, weißt du, wie sie gebildet wird?"

Pauline antwortete: "Ja, Herr Durchblick. Die Armutsgrenze wird mit 60 % vom Durchschnittseinkommen definiert. Es enthält alle Abzüge (Steuern, Sozialabgaben) und die erhaltenen Sozialleistungen etc. werden dazu addiert. Allerdings ist als Mittelwert der Median und nicht das arithmetische Mittel verwendet."

"Median? Was ist denn das?“, fragte Stephan Weihen, der Besitzer der Molkerei. "Wofür ist der denn gut? Mir reicht das arithmetische Mittel."

Carlo Controlletti, der Wirtschaftsprüfer, übernahm die Antwort: "Stephan, wenn in deinem Viertel das Durchschnittseinkommen ermittelt wird, was kommt da heraus im Vergleich zum Durchschnitt in unserer Stadt?“

Stephan Weihen antwortete: "Sicherlich kein kleiner Betrag. Insbesondere mein rechter Nachbar verdient sich dumm und dusselig (dabei erwähnte er natürlich nicht, dass es bei ihm ähnlich war).

Carlo Controlletti führte aus: "Also wäre bei euch das arithmetische Mittel des Nettoeinkommens extrem hoch. Noch stärker wirkt der Effekt in Heilbronn, wo der Besitzer von Lidl und Kaufland seine Steuern zahlt. 42.275 Euro betrug 2019 das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Kopf und Jahr. In Gelsenkirchen waren es 2019 hingegen nur 17.015 Euro. Wenn jetzt die 60 Prozent in Heilbronn berechnet werden, sind das über 25.000 Euro. Ein sogenannter Armer in Heilbronn hat damit 50 Prozent mehr Nettoeinkommen als der Durchschnitt in Gelsenkirchen."

Pauline nahm den Faden auf: "Das arithmetische Mittel ist somit anfällig für Ausreißer. Beim Median hingegen werden alle Einkommen in eine aufsteigende Reihenfolge gebracht. Genau bei der Hälfte liegt dann der Mittelwert. Die Einkommen in der Topregion haben somit keinen Einfluss, weil sich der Median auch nicht ändert. Das gilt auch, wenn die Topverdiener ihre Einkommen verdreifachen."

"Das macht Sinn", musste Stephan Weihen zugeben: "Aber wieso 60 Prozent?"

Dieter Durchblick übernahm die Antwort: "Die Zahl lässt sich nicht exakt begründen und sorgt immer wieder für Streit; denn der Paritätische versucht damit politischen Druck aufzubauen. Zudem würde die Armutsquote gleichbleiben, selbst wenn alle Einkommen sich verzehnfachen würden Anders ist die Definition der Weltbank. Nach ihr sind solche Menschen sehr arm, die weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Der US-Dollar wird dabei entsprechend den Kaufkraftparitäten in lokale Währung umgerechnet. Im Jahr 2019 waren 1 Prozent aller Menschen in Europa in einer solch schwierigen Situation. Es ist also überhaupt nicht egal, wie definiert und gemessen wird."

Pauline ergänzte: "Zunächst fand ich das Messproblem nicht sehr spannend, aber unser Prof hat uns gezeigt, dass das gewählte Maß völlig ungeeignet ist. Er hat super Beispiele gebracht und unsere Aufgabe war es, unlogischen abartige Konstellationen zu finden, um die fehlende Validität zu zeigen. Das war sehr lehrreich, weil wir gesehen haben, zu welchen Fehlschlüssen eine auf den ersten Blick harmlos Größe wie die Armutsquote führen kann."

Kurt Kappe war neugierig geworden: "Welche Beispiele hast du denn gefunden? Das kann doch nicht so schlimm sein mit der Validität. Ich wette, du hast da ein bisschen übertrieben."

"Also gut. Ich gehe auf die Herausforderung ein. Was ist der Preis?" Und mit einem Lachen ergänzte sie: "Aber Flaschenverschlüsse brauche ich nicht." Kurt Kappe antwortete: "Davon kann man nie genug haben. Also heraus mit dem ersten Beispiel!"

Pauline ließ sich nicht zweimal bitten: "Ich bin ein wenig stolz gewesen, dass ich ein Beispiel gefunden habe, bei dem 49,99 Prozent der Bevölkerung als arm gelten." Und mit einem "Wie geht das wohl?" wandte sie sich an Herrn Kappe.

"Das wäre ja fürchterlich. Die halbe Bevölkerung verarmt!" Pauline konnte ihn beruhigen: „Stellen Sie sich vor, dass von 10.000 Personen 4999 ein Einkommen von einer Mio. Euro pro Jahr haben. Die anderen 5001 mögen auf zwei Mio Euro pro Jahr kommen. Was heißt das für die Armutsquote?"

Dieter Durchblick warf Pauline einen anerkennenden Blick zu und übernahm die Antwort: "Der Median, also das Nettoeinkommen der 5000. Person (oder auch 5001.), liegt dann bei zwei Mio. Euro pro Jahr. Davon 60 Prozent macht 1,2 Mio. Euro als Armutsgrenze. Diese unterschreiten 4.999 Personen. Die Regierung muss also dringend etwas unternehmen, um diese armen Einkommensmillionäre vor dem Hungertod zu bewahren." Alle lachten und fragten sich, wie man eine solche schlechte, da wenig valide Kennziffer wählen konnte.

Pauline wurde nach einem weiteren Beispiel gefragt. Sie konnte es geben: "Stellen Sie sich eine sozialistische Gesellschaft vor, in welcher alle gleich viel bzw. genauer gleich wenig verdienen. Der Jahreseinkünfte mögen bei 10.000 Euro im Jahr liegen, was auch dem Median entspricht. Die Armutsgrenze liegt dann bei 6.000 Euro im Jahr, so dass niemand arm ist, obwohl alle am Verhungern sind."

Kurt Kappe gab sich geschlagen und gab nach den Beispielen zu, dass die Armutsquote nicht valide sei und die Armut nicht korrekt abbildet. Er fragte Pauline, womit er seine Wettschulden begleichen könne. Pauline wünschte sich ein Praktikum für die nächsten Semesterferien in seinen wichtigen Abteilungen. Insbesondere wollte sie die Produktion kennenlernen und die Kosteneinflussfaktoren verstehen. Kurt Kappe konnte sein Glück kaum fassen, weil er – wie alle anderen Teilnehmer – unter dramatischen Personalproblemen litt. Und eine pfiffige Praktikantin könnte da sicher helfen, insbesondere, wenn sie später bleiben würde. Er sagte sofort zu.

Dieter Durchblick wies noch auf ein weiteres Problem hin: "Mit der Armutsquote wird nur die Einkommensverteilung der ersten 50 Prozent betrachtet. Also geht die zweite Hälfte gar nicht ein. Dabei ist es für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft sehr wichtig, ob die Besserverdiener etwas mehr Geld zur Verfügung haben oder dramatisch mehr."

Nun übernahm Stefan Steuer wieder das Wort: "Das hat Pauline sehr gut dargestellt. Die Definition der Armutsgrenze ist völlig ungeeignet, was nicht akzeptiert werden darf, da es sich um ein ernstes Problem handelt. Vergleichbar wäre es, wenn die Profitabilität nur durch den Umsatz gemessen würde. Und zudem fehlt noch eine wichtige Komponente."

"Noch schlimmer? Geht das überhaupt noch?" fragte Georg Grube, der Besitzer der örtlichen Kiesgrube.

Stefan Steuer: "Leider ja, es fehlen nämlich die Kosten für den relevanten Warenkorb. Im obigen extremen Falle der Einkommensmillionäre wäre es mir ziemlich egal, wenn ich mit meinem Nettoeinkommen unter der Armutsgrenze liege, wenn das heutige Preisniveau in etwa gilt."

"Genau", bestätigte Dieter Durchblick: "Umgekehrt hilft es mir nichts, wenn ich ein gutes Nettoeinkommen habe, aber die Preise für fast alle wichtigen Güter so hoch liegen wie zum Beispiel in München. Dann kann ich nicht mithalten. Denn Armut heißt, dass eine Teilhabe am Leben inkl. der Sozialkontakte kaum möglich ist. Dagegen sieht es viel besser aus, wenn ich auf dem Lande in einem kleinen eigenen Haus mit Gemüsegarten wohne und dabei offiziell unter der Armutsgrenze liege. Denn ich muss wenig kaufen. Auch darf man nicht vergessen, dass auf dem Lande viel Nachbarschaftshilfe üblich ist, so dass die Nettoeinkommen nicht die ganze Geschichte erzählen."

"Genug gemeckert", bemerkte Kurt Kappe: "Wie geht es besser?"

Carlo Controlletti versuchte eine Lösung: "Eine mögliche Antwort sehen wir bei der Bemessung der Sozialhilfe, insb. Hartz IV. Es müssen je nach Haushalt und Region Warenkörbe definiert werden, deren Erwerb notwendig ist zur Teilhabe am Leben. Die Klassenfahrt der Kinder muss beispielsweise damit abgedeckt werden können. Klar ist, dass das nicht perfekt geschehen kann, aber in guter Näherung. Das Statistikamt hat bereits viele Daten."

"Richtig" bestätigte Stefan Steuer: "Und dann sind diejenigen Haushalte arm, deren Einkommen unter den Kosten dieser Warenkörbe liegen."

Pauline hatte interessiert zugehört und fragte: "Wenn dieses Niveau erreicht wird, müsste doch die Armutsquote bei 0 Prozent liegen, oder?"

Dieter Durchblick: "So ist es. Aber aufgrund der Schwächen des heutigen Konzepts der Messung der Armutsquote wissen wir zu wenig über das Problem. Und spätestens mit dem Anspringen der Inflation werden viele Personen in die Armut rutschen, ohne dass es die Armutsquote zeigt. Und wenn ich eine nicht valide Größe zur Messung benutze, kann ich die Situation nicht adäquat einschätzen und kaum die richtigen Maßnahmen ergreifen. In unserem Unternehmensbeispiel der Profitabilität könnten Umsatzsteigerungen durch Preissenkungen sogar in die falsche Richtung wirken."

An diesem Tag gingen die Teilnehmer etwas nachdenklich nach Hause. In ihrem Umfeld kam Armut kaum vor. Einige beschlossen erfreulicherweise, aktiv zu werden und solche Menschen zu unterstützen, die tatsächlich Probleme hatten.


letzte Änderung P.D.P.H. am 04.07.2022
Autor(en):  Dr. Peter Hoberg
Bild:  Bildagentur PantherMedia / Josef Müllek


Autor:in
Herr Prof. Dr. Peter Hoberg
Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms. Seine Lehrschwerpunkte sind Kosten- und Leistungsrechnung, Investitionsrechnung, Entscheidungstheorie, Produktions- und Kostentheorie und Controlling. Prof. Hoberg schreibt auf Controlling-Portal.de regelmäßig Fachartikel, vor allem zu Kosten- und Leistungsrechnung sowie zu Investitionsrechnung.
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