Best Practice: Kapitalbedarfsplanung und der richtige Finanzierungsmix

Jörgen Erichsen
Zu den klassischen Controllingaufgaben, die in jedem Unternehmen anfallen, gehören Planung, Abweichungsanalysen, Maßnahmenumsetzung und Kommunikation, z.B. mit Kennzahlen. Auch Kalkulationen werden häufig mit Hilfe des Controllings erstellt. Hinzu kommen Aufgaben, die von Branche zu Branche unterschiedlich sein können, etwa Profitabilitäts- und Schwachstellenanalysen oder Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen.

In vielen Betrieben unterstützt das Controlling einzelne Bereiche und Abteilungen bei spezifischen betriebswirtschaftlichen Aufgaben, etwa bei der langfristigen Sicherstellung und Verbesserung der Unternehmensfinanzierung. Die Sicherstellung der Finanzierung ist meist eine Aufgabe, für die die Geschäftsleitung verantwortlich ist, diese Tätigkeit aber dem Controlling überträgt.

Der Beitrag zeigt beispielhaft, wie sich eine Kapitalbedarfsplanung und Finanzierungsplanung über mehrere Jahre erstellen lässt, um die Transparenz zu erhöhen und die Finanzierungsstruktur zu verbessern. Es geht dabei vornehmlich um betriebswirtschaftlich relevante Sachverhalte. Auf steuerliche Fragen oder Bewertungsansätze wird nicht eingegangen. Eine Excel-Arbeitshilfe unterstützt beim Einstieg und der Umsetzung.

1. Ausgangslage in vielen Unternehmen

Vor allem kleine und mittelständische Betriebe (KMU) sind zu großen Teilen klassisch mit Eigen- und Fremdkapital finanziert. Auf andere Finanzierungsformen wie z.B. Kapital von mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBG) oder Fördergelder, wird eher verzichtet, evtl. aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder vermeintlichem Zeitmangel.
Allenfalls wird ab und zu Leasing oder Factoring genutzt. Das Controlling sollte mit der Geschäftsführung über Veränderungen und Verbesserungen sprechen und aktive Hilfestellung anbieten.

Breiter aufgestellte Finanzierung hat Vorteile

Denn der Verzicht auf alternative bzw. ergänzende Finanzierungsformen hat für ein Unternehmen durchaus Nachteile, beispielsweise
  • Relativ hohe Abhängigkeit von einer oder mehreren Hausbanken
  • Kostennachteile, weil z.B. Eigenkapital oder Kredite relativ teuer sind
  • Ggf. Verschlechterung von Kennzahlen möglich, etwa Kapitalquoten, operativem Cashflow (wenn z.B. Forderungen und Vorräte zunehmen) oder Zinsdeckungsgrad 
  • Dadurch ggf. Verschlechterung der Bonität
  • Tendenziell höhere Sicherheitsleistungen für klassische Bankdarlehen nötig als bei anderen Finanzierungsformen, wie Fördergeldern oder Leasing
  • u.U. Nachteile bei Größenklassen und Berichtswesen

2. Kapitalbedarf und Finanzierungsvolumen für mehrere Jahre planen – Mit Excel-Arbeitshilfe

Um die Finanzierungsstruktur zu verbessern und sich bei der Kapitalbeschaffung breiter aufzustellen, sollte man eine Planung für z.B. 3-5 Jahre vornehmen, evtl. auch, indem man auf die Vorjahre zurückgreift. So lassen sich Trends und Entwicklungen besser erkennen.

Mit Kapitalbedarfsplanung beginnen

Im ersten Schritt sollte eine Kapitalbedarfsplanung für einen Zeitraum von 3-5 Jahren erstellt werden. Hierbei geht es vor allem darum, einen groben Rahmen bzw. Bedarf abzuschätzen. Absolut genaue Werte werden nicht benötigt.

Eine Vorlage zur Zusammenstellung des Kapitalbedarfs zeigt Abb. 1. Von der Höhe des Kapitalbedarfs ist abhängig, wie viel Finanzmittel für die nächsten Jahre in etwa benötigt werden und nur so lassen sich auch die Kosten für die Finanzierung zumindest in etwa absehen.
Hinweise zur Arbeit mit der Excel-Datei 
Die Nutzung der Excel-Datei (Download hier >>) kann den Einstieg in die Umsetzung erleichtern. Sie besteht insgesamt aus 3 Tabellenblättern. Eingaben sind in allen Zellen mit blauer Schrift möglich. Alle Tabellenblätter werden auf einer Seite ausgedruckt. Teile der Arbeitshilfen können ein- oder ausgeblendet werden, wenn man z.B. weniger als fünf Jahre abbilden oder bestimmte Finanzierungsarten nicht nutzen möchte. Alle Zahlen in der Arbeitshilfe sind ausschließlich dazu gedacht, zu zeigen, wie das System funktioniert. Sie sind keine Indikatoren für gute oder schlechte Werte oder Ausprägungen. Es kann mit Plan- oder Istwerten für bis zu fünf Jahre gearbeitet werden. Bezeichnungen und Werte können beliebig angepasst werden. Zwischen Kapitalbedarf und Finanzierungsvolumen muss keine absolute Übereinstimmung herrschen, allerdings sollte die Finanzierungssumme den Kapitalbedarf möglichst übertreffen.

Kapitalbedarf.png  
Abb. 1 Vorlage zur Planung des Kapitalbedarfs (Auszug Tabellenblatt)
Praxis-Hinweis: Eine Kapitalbedarfsplanung gibt oft auch unmittelbare Hinweise auf möglichen Verbesserungsbedarf. Geht man z.B. davon aus, dass Forderungen und Vorräte über mehrere Jahre steigen werden, sollte nach den Ursachen und nach Möglichkeiten gesucht werden, diese zu reduzieren, um den Kapitalbedarf und somit auch das Finanzierungsvolumen und -kosten zu verringern. Steigende Forderungen sind oft in Mängeln im Forderungsmanagement zu suchen. Bei den Vorräten können eine schlechte Warenwirtschaft, zu wenig intensive Verhandlungen mit Lieferanten, bessere Wettbewerber oder auch Fehler im Sortiment ursächlich sein. Bei hohen Investitionen sollte u.a. geprüft werden, ob der Bedarf tatsächlich vorhanden ist, ob es auch günstigere Alternativen gibt oder ob man einzelne Vorhaben zumindest verschieben kann.

Finanzierungsvolumen planen

Dann muss geplant werden, wie der Kapitalbedarf finanziert werden soll. In jedem Unternehmen wird es klassisch Eigen- und Fremdkapital geben, inkl. kurzfristige Verbindlichkeiten. Aber es sind auch andere Formen möglich, etwa Gelder, die man von mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBG) oder von Förderbanken wie der KfW erhält. Zudem zählen auch Leasing, Factoring und andere zu möglichen Finanzierungsformen. Abb. 2 zeigt eine Erfassungshilfe für unterschiedliche Finanzierungsarten. 

Finanzierungsmix.png
Abb. 2 Vorlage zur Planung des Finanzierungsvolumens
Hinweis: MGB‘ n sind private Förderinstitute, die in den einzelnen Bundesländern ansässig sind. Gesellschafter sind u.a. Kammern, Verbände oder Förderinstitute der Bundesländer. Die MGB bieten eine Alternative oder Ergänzung zu klassischen Bankkrediten und verlangen oft geringere Zinsen. Sie werden meist als stille Beteiligungen unter den sonstigen Verbindlichkeiten bilanziert. Allerdings gibt es hier verschiedene rechtliche Auffassungen, daher ist eine individuelle Klärung im Vorfeld unbedingt sinnvoll. Mehr Informationen zu MBG‘ n finden sich z.B. unter Layout 1 oder http://www.mbg-beteiligungskapital.de/ Der Arbeitsaufwand für die Beantragung ist in der Regel ähnlich hoch wie bei normalen Bankkrediten.

Übersicht Finanzierungsmix

Im Tabellenblatt Anteile werden jeweils die Anteile der einzelnen Finanzierungsformen ausgewiesen. Eingaben müssen nicht getätigt werden. 

Finanzierungsmix_2.png
Abb. 3 Vorlage Finanzierungsmix
Hinweis: Es werden nur die jeweiligen Finanzierungsanteile ausgewiesen, unabhängig von der bilanziellen Zuordnung. Damit kann es dazu kommen, dass z.B. der Eigenkapitalanteil niedriger ist als es aus bilanzpolitischer Sicht korrekt wäre. Wenn beispielsweise Leasing als Finanzierungsform gewählt wird, reduziert sich in der Übersicht automatisch der Eigenkapitalanteil, auch wenn Leasing i.d.R. nicht in der Bilanz erscheint. Um den richtigen Eigenkapitalanteil zu ermitteln, ist also ggf. eine Zusatzrechnung erforderlich.

Berechnung der Finanzierungskosten

Für Unternehmer ist zudem interessant zu wissen, wie hoch die Kosten für die Finanzierung zumindest in etwa ausfallen. Auch dazu bietet die Arbeitshilfe eine Berechnungshilfe.

Finanzierungskosten oft nicht absolut genau zu berechnen

Die genaue Berechnung der Finanzierungskosten ist in der Praxis häufig schwierig und aufwändig umzusetzen. Es genügt aber auch hier, mit fundierten Näherungs- oder Schätzwerten zu arbeiten, um evtl. Verbesserungen umsetzen zu können. Denn es geht ja im Kern darum, verlässlich abschätzen zu können, in welcher Höhe sich die Finanzierungskosten in etwa bewegen. Einige Vorschläge für eine pragmatische und vereinfachte Herangehensweise:
  • Eigenkapitalkosten: Die Berechnung der Eigenkapitalkosten ist meist komplex und häufig werden sie gerade in KMU gar nicht angesetzt, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht korrekt ist. Denn die Eigentümer stellen, ähnlich wie Fremdkapitalgeber, dem Betrieb Kapital zur Verfügung, das verzinst werden sollte/muss. Werden die Kapitalkosten rechnerisch ermittelt, fließen in der Regel drei Komponenten ein: Zinsen für risikoarme Alternativanlagen, z.B. Staatsanleihen, eine Risikoprämie, z.B. das durchschnittliche Wachstum eines Aktienmarktes, sowie ein individueller Risikofaktor (ß-Faktor) der Branche. Näheres zur genaueren Berechnung der Eigenkapitalkosten findet sich z.B. im Beitrag "Weighted Average Cost of Capital - WACC". Für die Praxis genügt es aber auch, wenn man die Höhe der Eigenkapitalkosten lediglich schätzt und einen Wert im Betrieb verbindlich festlegt, mit dem gerechnet wird oder werden soll. Je nach Branche liegen die Eigenkapitalkosten meist in einer Bandbreite von rund 6,5 bis 12,5%; im Mittel betragen sie knappe 10%. Es gilt: Je sicherer und weniger konjunkturabhängig eine Branche, desto geringer die Eigenkapitalkosten. Eine Orientierung findet sich z.B. unter KPMG Kapitalkostenstudie - KPMG in Deutschland Hinweis: Wird mit Eigenkapitalkosten gerechnet, gehören diese in die Kalkulation, da sie über den Preis von Produkten oder Leistungen wieder verdient werden müssen. 
  • Fremdkapitalkosten, MBG‘ n und Fördergelder: Hier können meist die Zinssätze der Bank bzw. anderer Partner verwendet werden. Bei mehreren Darlehen muss ggf. ein Mittelwert gebildet werden.
  • Leasing und andere Finanzierungsformen: Auch hier gibt es meist die Möglichkeit, die Kosten aus den Verträgen zu übernehmen und sie auf die Finanzierungsvolumina zu beziehen. 

Berechnung der Finanzierungskosten mit der Arbeitshilfe

Die Finanzierungskosten können ebenfalls mit der Excel-Arbeitshilfe ermittelt und dargestellt werden. Je Finanzierungsposition und Jahr müssen in die blau gefärbten Zellen die entsprechenden Prozentwerte eingegeben werden.

Ein Grund, warum die Kosten im Beispiel trotz Nutzung preiswerterer Finanzierungsquellen relativ stabil bleiben bzw. leicht steigen, ist der zunehmende Eigenkapitalanteil, dessen Finanzierungskosten höher sind als bei anderen Finanzierungsvarianten. Aus Sicht möglicher Kapitalgeber ist der Eigenkapitalanteil aber nicht zu hoch; im Mittel sollte er mindestens 20-25% ausmachen, was im Beispiel voraussichtlich erst im Jahr 2028 der Fall sein wird. 

Finanzierungskosten.png
Abb. 5 Berechnungsbeispiel zu den Finanzierungskosten (Auszug)



letzte Änderung J.E. am 14.01.2026
Autor:  Jörgen Erichsen


Autor:in
Herr Jörgen Erichsen
Jörgen Erichsen ist selbstständiger Unternehmensberater. Davor hat er in leitenden Funktionen in Konzernen gearbeitet, u.a. bei Johnson & Johnson und Deutscher Telekom. Er ist Autor von Fachbüchern und -artikeln rund um Rechnungswesen und Controlling. Außerdem ist er als Referent zu diesen Themen für verschiedene Träger tätig. Beim Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller (BVBC) leitet Jörgen Erichsen den Arbeitskreis Controlling.
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