Mit selbst erstellten Bonitätskennzahlen Leistungsfähigkeit bewerten

Mit Excel-Arbeitshilfe

Jörgen Erichsen
Zu den klassischen Controllingaufgaben, die in jedem Unternehmen anfallen, gehören Planung, Abweichungsanalysen, Maßnahmenumsetzung und Kommunikation, z.B. mit Kennzahlen. Auch Kalkulationen werden häufig mit Hilfe des Controllings erstellt. Hinzu kommen Aufgaben, die von Branche zu Branche unterschiedlich sein können, etwa Profitabilitäts- und Schwachstellenanalysen oder Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen. In vielen Betrieben unterstützt das Controlling auch bei Einzelfragen verschiedener Abteilungen. So auch bei der Erstellung und Analyse bestimmter Kennzahlen, die für die Bonitätsbewertung wichtig sind. 

Im Beitrag werden an einem Beispiel die grundlegenden Aspekte sowie Hinweise für Verbesserungen gezeigt. Es gibt eine Excel-Arbeitshilfe für den direkten Einstieg in die Umsetzung.

1. Warum ist eine gute Bonitätsbewertung für ein Unternehmen wichtig und warum sollten Unternehmen eine Selbsteinschätzung vornehmen?

Jeder Unternehmer sollte wissen, wie gut seine Bonität ist. Denn sowohl bestehende als auch potenzielle neue Geschäftspartner informieren sich in den meisten Fällen darüber, wie leistungsstark und solvent ein Betrieb ist. Meist erfolgt das im Hintergrund, etwa mit Hilfe von Auskunfteien. Das bedeutet, dass man in der Regel nicht erfährt, ob ein potenzieller Partner sich informiert. Ist die Bonität eher mittelmäßig oder gar schlecht, kommen Aufträge oder Kreditzusagen u.U. nicht zustande und man erfährt häufig nicht, warum das so ist. Die Bonitätseinschätzung von Banken oder Auskunfteien basieren zu einem großen Teil auf Kennzahlen, auch wenn in eine abschließende Bewertung weitere Faktoren einfließen, etwa Qualität des Managements und der Unternehmensorganisation.

Daher genügt es für eine qualifizierte Selbsteinschätzung durchaus, wenn man die Ausprägungen der wichtigsten Kennzahlen, die in die Bewertung einfließen, abbildet und kennt. Die Entwicklung der Kennzahlenausprägungen sollten dabei auch über mehrere Perioden dargestellt werden, da bei entsprechenden Prüfungen immer auch die Unternehmensentwicklung betrachtet wird: Handelt es sich um einen Trend? Positiv oder negativ? Gibt es einmalige Ereignisse, die für eine Entwicklung wichtig sind? Usw.

Für Geschäftspartner ist es wichtig, dass der Gegenüber belegen kann, dass er in der Lage ist, die Leistungsfähigkeit über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten bzw. verbessern kann. Schließlich sind die meisten Geschäftspartner in der Regel an einer langfristigen Zusammenarbeit unter stabilen Bedingungen interessiert.

2. Bonitätskennzahlen selbst erstellen im Beispielunternehmen - mit Excel-Arbeitshilfe

Beim Beispielunternehmen handelt es sich um eine Tiefbaufirma mit ca. 15 Mitarbeitern (Tiefbau-GmbH). Die Firma hat sich auf die Entwicklung, Sanierung und Verbesserung von Entwässerungssystemen spezialisiert. Das Geschäft ist aus aktueller Sicht zukunftssicher, da die Nachfrage nach Möglichkeiten, Überschwemmungen und Schäden an der Infrastruktur zu verhindern, in Zeiten des Klimawandels mit zunehmenden Extremwettern steigt. Zu den Kunden gehören sowohl Privat- als auch Geschäftskunden.

Das Unternehmen arbeitet profitabel und der Inhaber ist auch an betriebswirtschaftlichen Themen und Zusammenhängen interessiert. Unter anderem gibt es eine Unternehmensplanung sowie einen monatlichen Plan-Ist-Vergleich, um mögliche Abweichungen frühzeitig zu erkennen und Steuerungsmaßnahmen umsetzen zu können. Zudem sind mehrere Kennzahlen für den Finanzbereich und die Leistungsmessung vorhanden, z.B. Umsatzrendite und Personalmultiplikatoren (wie viel Umsatz oder Rohertrag werden mit einem Euro Personalkosten erwirtschaftet). Zusätzlich möchte der Inhaber wissen, ob und wie er die Bonität seines Betriebes selber zumindest in etwa einschätzen kann. Dazu möchte er mit einem externen Controller eine Kennzahlenübersicht zusammenstellen, die ihm nicht nur den aktuellen Stand zeigt, sondern auch, ob und welche Veränderungen sich über einen längeren Zeitraum ergeben haben.
Beide haben dazu eine einfache Arbeitshilfe mit Excel erstellt. Der Inhaber möchte die wichtigsten Kennzahlen darstellen, die in die Bonitätsbewertung von Banken oder Auskunfteien einfließen.
Hinweise für die Arbeit mit der Excel-Arbeitshilfe
Eingaben sind in alle Zellen mit blauer Schrift möglich. Sollen Zellen mit anderer Farbe überschrieben werden, sollte vorher geprüft werden, ob u.U. Formeln überschrieben werden, die die Datei unbrauchbar machen. Teile der Arbeitshilfe lassen sich ein- oder ausklappen und das Tabellenblatt kann auf einer Seite ausgedruckt werden. Die Datei ist nicht mit anderen Anwendungen verknüpft, und es sind manuelle Eingaben erforderlich. Alle Angaben und Zahlen orientieren sich zwar an den Gegebenheiten des Unternehmens und der Branche, sind aber fiktiv und keine Indikatoren für gute oder schlechte Ausprägungen. Die Angaben sollen nur zeigen, wie die Anwendung funktioniert. Download der Excel-Arbeitshilfe hier >>

Umfang und Aufbau der Arbeitshilfe

Die Arbeitshilfe bietet die Möglichkeit, bis zu 20 Kennzahlen und deren Ausprägungen über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren darzustellen. Die GmbH hat aktuell 16 Kennziffern sowie deren Entwicklung über einen Zeitraum von 3 Jahren abgebildet. Bei den Formeln handelt es sich um Vorschläge, die in der Praxis häufig anzutreffen sind. Sie können aber von der Formelbildung von z.B. Banken oder Auskunfteien abweichen.

Beispielsweise lässt sich die Eigenkapitalquote mit bilanziellem oder wirtschaftlichem Eigenkapital bilden. Das wirtschaftliche Eigenkapital ist häufig niedriger, weil evtl. noch nicht eingezahlte Einlagen oder Darlehen an Gesellschafter abgezogen werden. Bei der GmbH entsprechen sich bilanzielles und wirtschaftliches Eigenkapital. Auch beim Working-Capital können weitere Positionen einfließen, z.B. erhaltene oder gezahlte Anzahlungen. In diesen und weiteren Fällen sollte geprüft werden, wie wichtige Partner die Kennzahlen bilden, etwa Banken oder Auskunfteien. Verzerrungen können auch dadurch auftreten, wenn Banken oder Auskunfteien eine andere Darstellungsform wählen. Beispielsweise wird zu Bewertungszwecken häufig eine Struktur- oder Analysebilanz erstellt.

In der Spalte Orientierung werden Angaben dazu gemacht, welche Kennzahlenausprägungen von Finanzierungspartnern und Auskunfteien als günstig oder gut angesehen werden. Die Werte unterscheiden sich aber oft von Branche zu Branche und sollten daher geprüft und ggf. ebenfalls angepasst werden.

Zahlen zu Vergleichsdaten aus der Branche (gleichnamige Spalte) können u.a. aus den Daten von Auskunfteien oder den DATEV-Branchenvergleichen entnommen werden. Auch Banken, Branchenverbände, die IHK oder die Handwerkkammer können hier konsultiert werden. 
Zu jeder Kennzahl gibt es bei der GmbH einen Zielwert, der im kommenden Jahr erreicht werden soll. Die Zielwerte sollen möglichst deutlich über den Durchschnittswerten der Branche liegen. In den Spalten für die Istdaten hat die GmbH für die Jahre 2023, 2024 und 2025 die erreichten Ausprägungen eingegeben. In der Spalte Trend können durch die Eingabe von 4 (Sehr gute Entwicklung) bis 1 (sehr negative Entwicklung) die Entwicklungsrichtung visualisiert werden. So wird direkt deutlich, ob und wo ein Unternehmen Maßnahmen umsetzen sollte. Bei der GmbH gibt es überwiegend positive Entwicklungen und es muss in erster Linie danach gesehen werden, wie sich das Working-Capital, die Schuldentilgungsdauer und das Lieferantenziel verbessern lassen.

Bonitätskennzahlen.jpg 
Abb. 1 Arbeitshilfe Bonitätskennzahlen (Auszug)

Auffällige Entwicklungen möglichst erläutern

Insgesamt ist die Kennzahlenausprägung beim Unternehmen günstig. Beim Lieferantenziel gibt es aus Sicht der GmbH aber einen Zielkonflikt: Denn eigentlich sind Werte über 30 Tage für die Liquidität des Unternehmens günstig, weil man die Rechnungen später begleichen und so die Liquidität schonen kann. Andererseits können Zahlungsziele, die deutlich darüber liegen, zu einer Verschlechterung der Bonität führen, weil Banken oder Auskunfteien ohne Erläuterungen zunächst davon ausgehen, dass man seinen Zahlungsverpflichtungen nicht pünktlich nachkommt und eher zu den säumigen Zahlern gehört. Das ist im Fall der GmbH aber nicht so. Sie hat einen Hauptlieferanten, mit dem sie Zahlungsziele von 42 Tagen vereinbart hat und dem Lieferanten eine Abbuchungsermächtigung erteilt. Alle anderen Rechnungen werden innerhalb der gesetzten Zahlungsziele beglichen.

Einer negativen Einordnung kann man in einem solchen Fall vorbeugen, indem man die Gründe für die Ausprägungen den wichtigsten Partnern darlegt, z.B. der Hausbank und gegenüber den 3-5 wichtigsten Auskunfteien. So lässt sich vermeiden, dass andere Geschäftspartner, etwa Kunden, die sich eine Auskunft einholen, falsche Schlüsse ziehen und ggf. vom Auf- oder Ausbau einer Geschäftsbeziehung absehen. Die Entwicklung wird von der GmbH daher bis zur Klärung des Sachverhalts weiter als weniger gut eingestuft.

Zudem sollten auch Fälle erläutert werden, die zu echten Verschlechterungen führen, die aber nur vorübergehenden Charakter haben. Beispielsweise kann es vorkommen, dass man bei einer Expansion in neue Märkte die Lagerbestände erhöht, um lieferfähig zu sein. Dann verschlechtern sich u.a. Kennzahlenausprägungen wie Working-Capital oder der Liquiditätsgrad III. Auch hier sollte man wichtige Partner über die Hintergründe informieren, und auch darüber, dass und voraussichtlich wann man wieder zu günstigen Kennzahlenausprägungen zurückkehren wird. Ggf. sollte auch skizziert werden, wie man das erreichen möchte.
Praxis-Tipp: Wer sich die Mühe macht, selber Bonitätskennzahlen zu erstellen, sollte die Ergebnisse mit denen der Bank oder auch denen wichtiger Auskunfteien vergleichen. Die Erfahrungen zeigen, dass es immer zu Abweichungen kommen kann, u.a., weil es Unterschiede in der Formelzusammensetzung gibt. 

Die Arbeitshilfe bietet noch die Möglichkeit, bis zu vier Kennziffern zusätzlich zu erfassen und darzustellen. Häufig fließen noch Werte wie ROI, Anlagenintensität, der Deckungsgrad Anlagevermögen oder die Cashflow-Marge in die Betrachtung mit ein.
Praxis-Tipp: Die Kennzahlen fließen in der Regel nicht zu gleichen Anteilen in die Bonitätsbewertung eines Unternehmens ein. Oft werden Kennzahlen wie Eigenkapitalanteil, Gesamtkapital-Rendite oder Working-Capital-Ratio übergewichtet. Wer hierzu genaueres wissen möchte, muss mit Banken oder Auskunfteien sprechen. Für die Eigeneinschätzung ist es aber ausreichend, danach zu sehen, dass möglichst viele Kennzahlenausprägungen günstig liegen bzw. einen positiven Trend aufweisen. Eine Gewichtung ist dann in der Regel nicht erforderlich; vielmehr ist die Gesamtentwicklung entscheidend.

3. Welche ausgewählten Möglichkeiten gibt es, die Kennzahlenausprägung zu verbessern?

Welche Verbesserungen umgesetzt werden müssen, ist von den erreichten Ergebnissen und der Entwicklung über mehrere Jahre abhängig. Ein großer Hebel ist in sehr vielen Fällen das Working-Capital. Lassen sich hier Verbesserungen umsetzen, verbessern sich auch andere Kennzahlen und deren Ausprägungen, etwa die Kapitalquoten, die Liquiditätsgrade, die Schuldentilgungsdauer, die Debitoren- und Kreditorenlaufzeiten oder der Kapitalumschlag.

Auch die GmbH will versuchen, hier Verbesserungen umzusetzen. Sie konzentriert sich auf die drei großen Treiber Forderungen, Vorräte und Kreditoren. Hinweise zu möglichen Maßnahmen finden sich u.a. im Beitrag „Working-Capital und Working-Capital-Ratio".




letzte Änderung J.E. am 10.02.2026
Autor:  Jörgen Erichsen
Bild:  Bildagentur PantherMedia / pressmaster


Autor:in
Herr Jörgen Erichsen
Jörgen Erichsen ist selbstständiger Unternehmensberater. Davor hat er in leitenden Funktionen in Konzernen gearbeitet, u.a. bei Johnson & Johnson und Deutscher Telekom. Er ist Autor von Fachbüchern und -artikeln rund um Rechnungswesen und Controlling. Außerdem ist er als Referent zu diesen Themen für verschiedene Träger tätig. Beim Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller (BVBC) leitet Jörgen Erichsen den Arbeitskreis Controlling.
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