![Controlling als Koordinationsinstanz in der Aviation]()
Die
Aviation Branche ist in besonderem Maße durch globale Vernetzung, regulatorische Komplexität und volatile Marktbedingungen geprägt. Diese Charakteristika stellen hohe Anforderungen an die Koordination internationaler Geschäftsaktivitäten. Der vorliegende Beitrag analysiert die
Rolle des Controllings als zentrale Koordinationsinstanz in der Aviation und zeigt die Grenzen klassischer Steuerungslogiken auf. Aufbauend darauf wird ein erweitertes Controlling Verständnis entwickelt, das auf Netzwerkstrukturen, Echtzeitdaten und systemischer Integration basiert. Der Beitrag argumentiert, dass Controlling in der Aviation zunehmend die Rolle eines strategischen Navigators einnimmt, der nicht nur Transparenz schafft, sondern aktiv Entscheidungsarchitekturen gestaltet und damit einen unmittelbaren Beitrag zur Wertschöpfung leistet.
1. Einleitung
Die Aviation zählt zu den komplexesten Industrien weltweit. Globale Lieferketten, internationale Wartungsnetzwerke, regulatorische Anforderungen sowie volatile Nachfrageentwicklungen führen zu einem hochdynamischen Steuerungsumfeld (vgl. International Air Transport Association, 2023).
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In der Praxis bedeutet dies:
- Entscheidungen wirken entlang kompletter Wertschöpfungsketten
- operative Ereignisse haben unmittelbare finanzielle Effekte
- Zeit spielt eine kritische Rolle in der Steuerung
Gerade in diesem Umfeld kommt dem Controlling eine zentrale Rolle zu:
- Strukturierung von Entscheidungsprozessen
- Transparenz über Abhängigkeiten
- Ausrichtung internationaler Einheiten
Gleichzeitig zeigt sich, dass klassische Controlling Ansätze diesen Anforderungen nur noch eingeschränkt gerecht werden.
2. Komplexität und Koordinationsbedarf in der Aviation
Die Komplexität der Aviation entsteht aus mehreren überlagerten Dimensionen:
- Globale Netzwerke zwischen Airlines, MRO-Organisationen und Herstellern
- Regulatorische Anforderungen durch Institutionen wie die European Union Aviation Safety Agency
- Kulturelle Unterschiede zwischen internationalen Einheiten
- Hohe Kapitalintensität und langfristige Investitionen
Konkretes Praxisbeispiel:
Ein verspätetes Ersatzteil führt nicht nur zu einem technischen Problem, sondern beeinflusst:
- Flugplanstabilität
- Kundenzufriedenheit
- Kostenstruktur
- Folgeprozesse in Wartung und Logistik
Koordination bedeutet hier:
- Zielausrichtung trotz dezentraler Strukturen
- Synchronisation von Entscheidungen
- Umgang mit Unsicherheit und Zeitdruck
3. Beitrag des Controllings zur internationalen Koordination in der Aviation
Das Controlling übernimmt die klassischen Funktionen:
- Planung
- Steuerung
- Kontrolle
In der Praxis werden diese Funktionen über konkrete Instrumente umgesetzt.
3.1 Zentrale Instrumente im Aviation Kontext
Budgetplanung
- Abstimmung von Flottenentscheidungen
- Integration von Wartungsplanung
- Ausgleich zwischen Kosten und operativer Stabilität
Reporting Systeme
- Vergleichbarkeit durch KPIs wie CASK (Cost per Available Seat Kilometer) und RASK (Revenue per Available Seat Kilometer)
- Transparenz über internationale Einheiten
- Grundlage für Managemententscheidungen
Verrechnungspreise
- Steuerung konzerninterner Leistungen
- Setzung von Anreizstrukturen
- Einfluss auf dezentrale Entscheidungen
ERP-Systeme
- Integration von Finance, Technik und Logistik
- Datenbasis für Steuerung
- Voraussetzung für Skalierung
Zentrale Erkenntnis:
Diese Instrumente schaffen Struktur, sind jedoch:
- Stark vergangenheitsorientiert
- Häufig nicht integriert
- Begrenzt entscheidungsunterstützend
4. Grenzen des klassischen Controllings in der Aviation
Die zentralen Grenzen lassen sich klar strukturieren:
Informationsproblem
- Große Datenmengen aus Operation und Technik
- Fehlende Priorisierung
- Geringe Entscheidungsrelevanz
Zeitproblem
- Reportingzyklen passen nicht zur operativen Dynamik
- Entscheidungen müssen oft schneller getroffen werden
Strukturproblem
- Silos zwischen Technik, Operations und Finance
- Fehlende End to End Sicht
Integrationsproblem
- Fragmentierte Systemlandschaften
- Medienbrüche
Studien von McKinsey & Company (2022) zeigen, dass genau diese Punkte zentrale Hindernisse für datenbasierte Steuerung sind.
Praxiswirkung: Controlling wird als Bremse wahrgenommen und operative Einheiten handeln teilweise an Systemen vorbei.
5. Transformation: Netzwerkorientiertes Controlling in der Aviation
5.1 Von Hierarchien zu Netzwerken
Die Aviation entwickelt sich zunehmend zu einem Netzwerk aus:
- Airline Allianzen
- Globalen Wartungsnetzwerken
- Digitalen Plattformen
- Spezialisierten Partnern
Controlling muss diese Realität abbilden durch:
- Integration von Echtzeitdaten
- End to End Perspektive
- Vernetzung von Informationen
Analysen von Deloitte (2021) bestätigen diese Entwicklung.
5.2 Neue Steuerungslogik
Die Steuerungslogik verändert sich grundlegend:
- Weniger Fokus auf Vergangenheit
- Stärkerer Fokus auf Zukunft
- Entscheidungen stehen im Mittelpunkt
Konkret bedeutet das:
- Von Transparenz zu Entscheidungsrelevanz
- Von Kontrolle zu Orientierung
- Von Reporting zu Navigation
Controlling wird damit zu einer Instanz, die aktiv Entscheidungen vorbereitet.
6. Neue Rollen des Controllers in der Aviation
Die Rollenentwicklung lässt sich klar beschreiben:
- Strategischer Navigator: Bewertung von Handlungsoptionen unter Unsicherheit
- Data Analyst und Data Scientist: Nutzung von Daten aus Maintenance, Operations, Finance und Markt
- Automatisierer: Reduktion manueller Prozesse
- Nachhaltigkeitsverantwortlicher: Integration von Umweltzielen in Steuerungssysteme
- Change Treiber
Begleitung von Transformation
Initiativen der International Civil Aviation Organization (2022) verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit zunehmend zu einer zentralen Steuerungsgröße wird und damit unmittelbar in die Aufgaben des Controllings hineinwirkt.
7. Erweiterung durch den Netzwerkansatz und CNO-Ansatz
Der CNO (Chief Network Officer) Ansatz beschreibt eine Steuerungslogik, die Organisationen nicht mehr primär als hierarchische Einheiten, sondern als Netzwerke aus Akteuren, Prozessen und Systemen versteht. Im Mittelpunkt steht nicht die Optimierung einzelner Bereiche, sondern die Qualität der Interaktionen zwischen ihnen. Der CNO gestaltet dabei gezielt Schnittstellen, Entscheidungsarchitekturen und Informationsflüsse, um Kohärenz und Gesamtoptimierung sicherzustellen. Gerade in der Aviation, die durch hochgradig vernetzte Wertschöpfungsstrukturen geprägt ist, wird diese Perspektive zentral. Controlling entwickelt sich in diesem Kontext zunehmend in Richtung einer solchen Netzwerklogik, indem es nicht mehr nur Transparenz schafft, sondern aktiv Zusammenhänge sichtbar macht, Zielkonflikte auflöst und die Gesamtsteuerung unterstützt.
7.1 Grundidee des CNO-Ansatzes
CNO steht für eine Perspektive, die Organisationen als Netzwerke versteht.
Kernaufgaben:
- Gestaltung von Verbindungen zwischen Einheiten
- Steuerung von Interaktionen
- Aufbau stabiler Netzwerkstrukturen
- Sicherstellung von Kohärenz
Der Fokus liegt nicht auf einzelnen Einheiten, sondern auf dem Gesamtsystem.
7.2 Übertragung auf die Aviation
In der Aviation ist dieser Ansatz besonders relevant, da Wertschöpfung immer netzwerkbasiert erfolgt. Konkrete Anwendungsfelder:
Airline Allianzen
- Abstimmung von Kapazitäten
- gemeinsame Nutzung von Ressourcen
- Steuerung von Erlösstrukturen
MRO-Netzwerke
- Verteilung von Wartungskapazitäten
- Optimierung von Durchlaufzeiten
- Steuerung von Materialflüssen
Supply Chain
- Koordination von Zulieferern
- Risikomanagement
- Sicherstellung von Verfügbarkeit
7.3 Rolle des Controllings im CNO-Kontext
Controlling übernimmt hier neue Aufgaben:
- Gestaltung von Entscheidungsarchitekturen
- Definition von Steuerungslogiken
- Integration von Daten über Systemgrenzen hinweg
- Sicherstellung konsistenter Zielsysteme
Der entscheidende Unterschied: Nicht mehr die Optimierung einzelner Einheiten steht im Fokus, sondern die Qualität der Interaktion zwischen ihnen.
8. Fazit und Ausblick
Die Aviation zeigt besonders deutlich, dass klassische Controlling Ansätze an Grenzen stoßen. Gleichzeitig eröffnet genau diese Komplexität neue Chancen.
Die zukünftige Rolle des Controllings liegt in:
- Systemischer Integration
- Datenbasierter Entscheidungsunterstützung
- Netzwerksteuerung
- Aktiver Gestaltung von Organisation
Controlling entwickelt sich damit zu einer zentralen Instanz der Orientierung in Unsicherheit. Es misst nicht nur, sondern ermöglicht Entscheidungen.
Literatur:
1) International Air Transport Association (2023): World Air Transport Statistics
2) McKinsey & Company (2022): Advanced Analytics in Aviation
3) Deloitte (2021): Digital Transformation in Aerospace and Defense
4) International Civil Aviation Organization (2022): Environmental Report
letzte Änderung A.D.
am 06.05.2026
Autor:
Dr. Akber Dost
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Autor:in
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Herr Akber Dost
Dr. Akber Dost ist Senior Manager im Bereich Controlling bei der Lufthansa Technik Group und Dozent an verschiedenen Hochschulen. Zuvor war er über 15 Jahre international in leitenden Funktionen in den Bereichen HR und Finance tätig. Seine Schwerpunkte liegen im strategischen Controlling sowie in der digitalen Transformation von Steuerungs- und Controlling Systemen in der Aviation Branche, mit besonderem Fokus auf die Weiterentwicklung hin zu integrierten und datenbasierten Steuerungslogiken.
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