![Die Selbstauskunft als Controlling-Instrument: Wie man Bonitätsdaten regelmäßig prüft und Fehler systematisch korrigiert]()
Die ersten drei Teile dieser Serie haben gezeigt, wie Bonitätsbewertungen entstehen, welche Rolle der Jahresabschluss spielt und warum das Zahlungsverhalten ein unterschätzter Einflussfaktor ist. Dieser vierte Teil befasst sich mit einem Werkzeug, das all diese Themen zusammenführt: der
Selbstauskunft.
Die meisten Unternehmen holen eine Selbstauskunft erst dann ein, wenn ein konkreter Anlass besteht. Ein Kreditantrag steht an, ein Lieferant verkürzt die Zahlungsziele, oder ein Geschäftspartner deutet an, dass die Bonitätsauskunft nicht überzeugend ausgefallen sei. Zu diesem Zeitpunkt ist das Problem bereits da. Wer dagegen die
Selbstauskunft als regelmäßiges Controlling-Instrument einsetzt, erkennt Fehlentwicklungen, bevor sie Wirkung entfalten. Genau darum geht es in diesem Teil: die Selbstauskunft vom Reaktionsinstrument zum Steuerungswerkzeug zu machen.
1. Was in einer Selbstauskunft steht und wie man sie richtig liest
Eine Selbstauskunft bei Creditreform enthält deutlich mehr als nur den Bonitätsindex. Sie gibt Einblick in die gesamte Datenbasis, auf der die Bewertung beruht. Das macht sie für Controller so wertvoll, denn sie zeigt nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Eingangsgrößen.
Der Bonitätsindex
Die prominenteste Angabe ist der Bonitätsindex selbst. Bei Creditreform liegt er auf einer Skala von 100 bis 600. Niedrigere Werte stehen für bessere Bonität. Ein Index von 200 bedeutet gute Bonität, ein Wert um 300 herum signalisiert mittlere Bonität mit erhöhtem Risiko, und ab 400 aufwärts wird es kritisch. Die genauen Schwellenwerte variieren je nach Branche und Unternehmensgröße, aber diese Orientierung hilft bei der Ersteinordnung.
Wichtiger als der absolute Wert ist allerdings die Veränderung über die Zeit. Wer seine Selbstauskunft jährlich einholt, kann Verschiebungen frühzeitig erkennen. Ein Index, der sich von 230 auf 260 verschlechtert hat, ist kein Alarmsignal. Aber er zeigt eine Richtung, die man verstehen und gegebenenfalls korrigieren sollte.
Hinterlegte Jahresabschlussdaten
Die Selbstauskunft zeigt, welcher Jahresabschluss der Bewertung zugrunde liegt. Und genau hier liegt einer der häufigsten Fehler: veraltete Daten. Wenn Creditreform den Abschluss von vor drei Jahren als aktuellste Grundlage verwendet, weil seither nichts eingereicht wurde, basiert die Bewertung auf einem Bild, das mit der heutigen Realität möglicherweise wenig zu tun hat.
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Daneben sind die konkreten
Kennzahlen aufgeführt, die Creditreform aus dem Abschluss abgeleitet hat: Eigenkapitalquote, Umsatz, Mitarbeiterzahl, Bilanzsumme und weitere Größen. Diese Werte sollten mit den eigenen Unterlagen abgeglichen werden.
Fehler bei der Datenübernahme kommen vor, etwa wenn Creditreform den Abschluss aus dem Bundesanzeiger übernimmt und dabei Positionen falsch zuordnet.
Zahlungserfahrungen und Negativmerkmale
Dieser Abschnitt der Auskunft zeigt, ob und welche Zahlungserfahrungen von Gläubigern gemeldet wurden und ob
Negativmerkmale wie Mahnbescheide oder Inkassoeinträge vorliegen. Für viele Unternehmer ist das der Moment der Überraschung: Sie wussten gar nicht, dass bestimmte Einträge existieren.
Besonders tückisch sind
erledigte Negativmerkmale, die noch im Datenbestand stehen. Ein Mahnbescheid, der längst bezahlt und vom Gläubiger zurückgenommen wurde, kann bei Creditreform noch als offener Eintrag geführt sein, wenn niemand die Aktualisierung angestoßen hat.
Brancheneinordnung und Strukturmerkmale
Die Selbstauskunft enthält auch die Brancheneinordnung des Unternehmens, die Rechtsform, das Gründungsjahr und weitere strukturelle Merkmale. Diese Angaben fließen als
statistische Risikokomponente in die Bewertung ein. Falsche Brancheneinordnungen kommen häufiger vor als man denkt und können die Bewertung messbar verschlechtern, etwa wenn ein Unternehmen einer Branche mit überdurchschnittlicher Insolvenzquote zugeordnet ist, obwohl es wirtschaftlich einer anderen Branche zuzurechnen wäre.
2. Die häufigsten Fehler in Bonitätsauskünften
Wer zum ersten Mal seine Selbstauskunft systematisch durcharbeitet, findet mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einen Fehler. Das ist keine Übertreibung. In meiner Beratungspraxis sind
fehlerfreie Erstauskünfte die Ausnahme.
Veraltete Jahresabschlussdaten
Der mit Abstand häufigste Fehler. Viele Unternehmen veröffentlichen ihren Jahresabschluss im Bundesanzeiger und gehen davon aus, dass Creditreform die Daten von dort übernimmt. Das geschieht auch, aber
oft mit erheblicher Verzögerung. Und bei Unternehmen, die nicht zur Veröffentlichung verpflichtet sind, fehlt der Abschluss manchmal komplett. In solchen Fällen arbeitet Creditreform mit dem letzten verfügbaren Stand, und der kann zwei, drei oder mehr Jahre alt sein.
Falsche oder unvollständige Kennzahlen
Creditreform übernimmt Abschlussdaten teilweise automatisiert. Bei der maschinellen Verarbeitung können
Zuordnungsfehler entstehen: Eigenkapitalpositionen werden falsch aggregiert, Gesellschafterdarlehen nicht als solche erkannt, Rückstellungen falsch klassifiziert. Das sind keine böswilligen Fehler, aber sie wirken sich auf die Bewertung aus.
Ein typischer Fall: Bei einer GmbH & Co. KG werden die Komplementär-GmbH und die KG nicht korrekt zusammengeführt, was zu einer verzerrten Eigenkapitalquote führt. Oder Gesellschafterdarlehen mit Rangrücktritt erscheinen als reguläre Verbindlichkeiten, weil die Rangrücktrittsvereinbarung nicht bekannt ist.
Nicht aktualisierte Negativmerkmale
Mahnbescheide, Inkassoeinträge oder andere Negativmerkmale bleiben im Datenbestand, bis sie aktiv als erledigt gemeldet oder gelöscht werden. In der Praxis passiert es regelmäßig, dass ein längst bezahlter Mahnbescheid noch als offener Eintrag geführt wird, weil weder das Unternehmen noch der Gläubiger die Aktualisierung veranlasst hat.
Falsche Branchenzuordnung
Die
Branchenzuordnung bei Creditreform basiert auf dem bei der Gewerbeanmeldung gemeldeten Geschäftszweck. Wenn sich das Geschäftsmodell eines Unternehmens im Laufe der Jahre verändert hat, stimmt die ursprüngliche Zuordnung möglicherweise nicht mehr. Ein Unternehmen, das als Einzelhändler gestartet ist und heute überwiegend im Online-Großhandel tätig ist, wird unter Umständen noch der Branche mit der höheren Insolvenzquote zugerechnet.
Veraltete Adress- und Kontaktdaten
Klingt nach einer Kleinigkeit, kann aber Folgen haben. Wenn Creditreform Post an eine alte Adresse schickt und keine Rückmeldung erhält, wird das im Datenbestand vermerkt. Es entsteht der
Eindruck mangelnder Erreichbarkeit, was die Gesamtbewertung negativ beeinflusst.
3. Fehler korrigieren: der richtige Weg
Die gute Nachricht: Auskunfteien sind gesetzlich verpflichtet, nachweislich falsche Daten zu korrigieren. Art. 16 DSGVO gibt jedem Betroffenen das Recht auf Berichtigung unrichtiger personenbezogener Daten, und dieses Recht gilt auch für Unternehmensdaten, sofern sich die Daten auf eine identifizierbare juristische Person beziehen.
Der praktische Weg läuft in drei Schritten.
Schritt 1: Fehler dokumentieren
Bevor man Creditreform kontaktiert, sollte der Fehler sauber dokumentiert sein. Das bedeutet: die fehlerhafte Angabe aus der Selbstauskunft benennen, den korrekten Sachverhalt darstellen und Belege beifügen. Für veraltete Jahresabschlussdaten ist das der aktuelle Abschluss. Für falsche Kennzahlen eine Gegenüberstellung mit den richtigen Werten und deren Herleitung. Für erledigte Negativmerkmale eine Bestätigung des Gläubigers oder ein Nachweis der Zahlung.
Schritt 2: Schriftlich an Creditreform wenden
Die Korrekturanfrage sollte schriftlich erfolgen, idealerweise per E-Mail mit den Belegen als Anlage. Creditreform hat für solche Anfragen feste Ansprechpartner in den regionalen Geschäftsstellen. Eine telefonische Klärung ist zwar möglich, aber die schriftliche Form schafft Nachvollziehbarkeit und beschleunigt die interne Bearbeitung.
Wichtig dabei: sachlich und konkret formulieren. Keine Vorwürfe, keine Empörung, auch wenn der Fehler ärgerlich ist. Die Mitarbeiter bei Creditreform bearbeiten solche Anfragen routinemäßig und reagieren auf sachliche, gut dokumentierte Korrekturen in der Regel zügig.
Schritt 3: Nachfassen und Ergebnis prüfen
Erfahrungsgemäß dauert die Bearbeitung einer Korrekturanfrage bei Creditreform zwischen zwei und sechs Wochen. In komplexeren Fällen kann es länger dauern. Es empfiehlt sich, nach vier Wochen nachzufassen, wenn keine Rückmeldung gekommen ist. Nach erfolgter Korrektur sollte eine erneute Selbstauskunft eingeholt werden, um zu prüfen, ob die Änderung tatsächlich im Datenbestand angekommen ist und sich auf den Bonitätsindex ausgewirkt hat.
4. DSGVO-Rechte kennen und nutzen
Die
DSGVO ist für Controller in diesem Kontext mehr als ein Compliance-Thema. Sie liefert die rechtliche Grundlage, auf der das gesamte Korrekturverfahren aufbaut.
Art. 15 DSGVO gibt Unternehmen das Recht auf Auskunft über die gespeicherten Daten. Dieses Recht ist kostenlos und kann einmal pro Jahr wahrgenommen werden, ohne dass eine Begründung erforderlich ist. In der Praxis ist die Selbstauskunft nach Art. 15 der einfachste Weg, an die vollständige Datenbasis zu kommen.
Art. 16 DSGVO begründet den Anspruch auf Berichtigung unrichtiger Daten. Wenn nachweislich falsche Informationen gespeichert sind, muss Creditreform diese korrigieren. Das gilt für fehlerhafte Kennzahlen ebenso wie für falsche Branchenzuordnungen oder veraltete Kontaktdaten.
Art. 17 DSGVO regelt das Recht auf Löschung. Dieses Recht greift allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen, etwa wenn die Daten für den ursprünglichen Verarbeitungszweck nicht mehr erforderlich sind oder wenn die Speicherung unrechtmäßig erfolgt. In der Praxis ist die Löschung von Negativmerkmalen über diesen Weg möglich, wenn die zugrunde liegende Forderung erledigt ist und die gesetzlichen Speicherfristen abgelaufen sind.
Zu den Speicherfristen: Creditreform speichert Negativmerkmale in der Regel drei Jahre nach Erledigung. Das ist branchenüblich und nach aktueller Rechtsprechung zulässig. Wer ein erledigtes Negativmerkmal vor Ablauf dieser Frist löschen lassen will, braucht gute Argumente, etwa dass die Forderung von Anfang an strittig war oder dass besondere Umstände vorliegen, die eine frühere Löschung rechtfertigen.
5. Die Selbstauskunft als jährliches Routine-Instrument
Der eigentliche Wert der Selbstauskunft entfaltet sich nicht bei der einmaligen Nutzung, sondern bei der
regelmäßigen Wiederholung. Einmal im Jahr, idealerweise nach Fertigstellung des Jahresabschlusses, sollte die Selbstauskunft eingeholt und systematisch geprüft werden.
Ein sinnvoller Ablauf sieht so aus: Im ersten Quartal, wenn der Jahresabschluss des Vorjahres vorliegt, wird die Selbstauskunft bei Creditreform und gegebenenfalls bei weiteren relevanten Auskunfteien angefordert. Parallel dazu wird der aktuelle Jahresabschluss mit den Erläuterungen für die Einreichung vorbereitet.
Nach Eingang der Selbstauskunft folgt der
Abgleich. Stimmen die hinterlegten Kennzahlen? Ist der aktuelle Abschluss erfasst oder noch der alte? Gibt es neue Negativmerkmale oder Zahlungserfahrungen? Hat sich die Brancheneinordnung verändert? Dieser Abgleich lässt sich mit einem einfachen Prüfbogen standardisieren, der die wesentlichen Datenpunkte abfragt.
Wenn Korrekturen notwendig sind, werden sie im selben Zeitfenster angestoßen. Und wenn der Abschluss eingereicht werden muss, geschieht das zusammen mit den Erläuterungen, die in
Teil 2 dieser Serie beschrieben wurden. So entsteht ein kompakter jährlicher Prozess, der sich in wenigen Stunden Aufwand abwickeln lässt und eine erhebliche Steuerungswirkung hat.
6. Praxisbeispiel: Drei Fehler, ein Prüfbogen, 40 Indexpunkte Verbesserung
Ein Dienstleistungsunternehmen aus dem IT-Bereich, 35 Mitarbeiter, rund 6 Millionen Euro Umsatz. Der Geschäftsführer hatte sich über zunehmend
schwierige Kreditverhandlungen gewundert und ließ den Controller die Selbstauskunft einholen. Der Bonitätsindex lag bei 312.
Die systematische Prüfung brachte drei Fehler zutage. Erstens: Der hinterlegte
Jahresabschluss war drei Jahre alt und zeigte ein Jahr mit einem Verlust, der aus einer einmaligen Wertberichtigung auf eine Forderung resultierte. Die beiden Folgejahre mit positiven Ergebnissen fehlten komplett. Zweitens: Das Unternehmen war als IT-Einzelhändler eingeordnet, obwohl es seit Jahren ausschließlich Projektgeschäft im B2B-Bereich machte. Die
Insolvenzquote im Einzelhandel lag deutlich über der im IT-Projektgeschäft. Drittens: Ein
Mahnbescheid über 4.800 Euro, der aus einem Streit mit einem Softwarelieferanten stammte und seit anderthalb Jahren erledigt war, stand noch als offener Eintrag in der Auskunft.
Der Controller erstellte eine
Korrekturanfrage mit drei Anlagen: dem aktuellen Jahresabschluss samt Erläuterung der damaligen Wertberichtigung, einem Antrag auf Änderung der Brancheneinordnung mit Verweis auf die aktuelle Umsatzstruktur und einer Zahlungsbestätigung des Gläubigers zum Mahnbescheid.
Nach sechs Wochen war die Bearbeitung abgeschlossen. Der Bonitätsindex lag bei 271. Eine
Verbesserung um 41 Punkte, die zu besseren Konditionen beim nächsten Kreditgespräch führte. Der Zeitaufwand für die gesamte Aktion betrug etwa einen halben Arbeitstag.
Was der Controller anschließend einführte: einen
jährlichen Prüftermin im Februar, bei dem die Selbstauskunft eingeholt, mit dem internen Datenbestand abgeglichen und gegebenenfalls korrigiert wird. Der Aufwand dafür liegt bei zwei bis drei Stunden pro Jahr.
Fazit
Die Selbstauskunft ist kein Dokument, das man einmal liest und dann abheftet. In den Händen eines aufmerksamen Controllers wird sie zu einem echten Steuerungsinstrument: Sie macht sichtbar, auf welcher Datenbasis die Bonitätsbewertung beruht, wo Fehler liegen und wo Verbesserungspotenzial vorhanden ist.
Die Kernpunkte aus diesem Teil: Jährlich die Selbstauskunft einholen und systematisch prüfen. Veraltete Abschlussdaten, fehlerhafte Kennzahlen, nicht aktualisierte Negativmerkmale und falsche Branchenzuordnungen sind die häufigsten Fehlerquellen. Die DSGVO gibt Unternehmen klare Rechte zur Auskunft, Berichtigung und unter bestimmten Voraussetzungen auch zur Löschung. Und der gesamte Prozess lässt sich mit überschaubarem Aufwand als jährliche Routine im Controlling verankern.
Im fünften Teil dieser Serie geht es um das Bankgespräch: Wie Unternehmen einen schwächeren Jahresabschluss so vorbereiten und kommunizieren, dass die Bank den richtigen Kontext bekommt, statt auf Grundlage unkommentierter Zahlen zu urteilen.
letzte Änderung A.E.
am 08.07.2026
Autor:
Alois Eckl
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Autor:in
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Herr Alois Eckl
Alois Eckl ist Inhaber von Rating-Beratung.de und seit über 20 Jahren im Bereich Bonitäts- und Ratingbewertung tätig. Durch seine langjährige Tätigkeit in der Analyse von Unternehmensbonität kennt er die Bewertungslogik von Wirtschaftsauskunfteien und die Faktoren, die Bonitätsindizes maßgeblich beeinflussen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Analyse von Bonitätsbewertungen sowie auf der strukturierten Verbesserung von Bonitätsindizes mittelständischer Unternehmen.
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