Unternehmenskultur und digitale Demenz

Unternehmenskulturen werden oft unwissentlich in die digitale Demenz geführt - und das Controlling schaut zu

Authentische Unternehmenskulturen haben Firmen, die ihre eigenen bewusst formulierten Vorgaben umsetzen und leben – sie sind gesund. Unternehmenskulturen werden dement, wenn Organisationen ihre eigenen Fähigkeiten vergessen und weil sie ihre eigene Zukunft von andern gestalten lassen – sie werden krank.

Der Glaube an die Industrie 4.0 mit ihren digitalen Abhängigkeiten, sowie "Consulting 4.0" mit ihrer Selfie-Mentalität lassen die eigenen Talente und Sensibilitäten im Abeitsalltag verkümmern. Die Bezeichnung "Industrie 4.0" ist ein Begriff, der deutschen Bundesregierung für ein Projekt einer Hightechstrategie mit deren Forschungsplattform und dem Ziel, dass Alles mit Allem elektronisch vernetzt werden soll. Es handelt sich dabei um ein Organisationsgestaltungskonzept. Die Bezeichnung „Consulting 4.0“ ist lediglich die Antwort der Beratungshäuser auf die eigenen  Bemühungen „Industrie 4.0“ zu beraten, zu begleiten und dabei die immer grösser werdenden Datenberge als allmächtige Grundlage für Entscheide zu zitieren, ohne dabei die Sinnhaftigkeit zu prüfen.

Diese Konzepte bringen viele "Trend-Gurus" und "Zukunftsmacher" hervor, die Firmen regelrecht ins "Bockshorn" jagen, weil diese sich gedanklich bereits in deren Abhängigkeiten begeben haben. Da "Cyber-Industrie-Begriffe" weder konkrete Szenarien, noch Antworten enthalten, erzeugen sie Unsicherheiten und Ängste. Dennoch wird propagiert, dass sich die ganze Arbeitswelt permanent verändern müsse (Pseudo-Agilität). Wer dem Glauben schenkt, sieht sich lediglich virtuellen Bedrohungen ausgesetzt. Das Tagesgeschäft könnte dadurch an Aufmerksamkeit verlieren und konzeptionelle Gewohnheiten, (die eigenen Zukunftsfragen anzugehen) bedeutungslos zu werden. Künstlich geschaffene Angebote haben Hochkonjunktur. Dadurch gehen Identitätsräume verloren und Kreativität und Mut erhalten im eigenen Umfeld keine Plattformen mehr. Bei Nichteibezug der Identifikation der Beteiligten wird der Weg der Machbarkeit früher oder später zum Hindernis. Firmen laufen Gefahr, ihre Identität zu verlieren, weil sie mit ihren zukunftsorientierten Hightech Strategien ihre Unternehmenskultur vernachlässigen – die Demenz entwickelt sich.

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Abb.: Hässig & Stoff

Folgende Beispiele von Dienstleistungsangeboten zeigen diese Entwicklung auf:

Sind dies nicht alles Selbstverständlichkeiten, mit Wortspielen und Anglizismen neu betitelt, die jede Führungskraft in ihren Entscheidungsfindungen stets berücksichtigt? Oder sind sich die heutigen Vorgesetzten ihrer Selbstverantwortung tatsächlich nicht mehr bewusst? Kann es sein, dass sie je länger je weniger ihren eigenen Instinkten und Fähigkeiten vertrauen, sondern diese an "App–Erfinder", "Cloud-Verkäufer", "Influencer" und andere selbsternannte Experten delegieren? Was sind die Auswirkungen solch punktueller Interventionen auf die Haltung der Mitarbeitenden und die Unternehmenskultur?

In der Praxis ist diese Veränderung bereits an einfachen Beispielen erkennbar:

Menschen übernehmen Verantwortung für Menschen und nennen dies Führung. Sie nehmen diese Verantwortung jedoch nicht wahr, wenn sich ihre Handlungen nach sinnentleerten Wortkreationen ausrichten. Denn damit werden die Kompetenzen in der Firma gelähmt und keinesfalls gefördert. Die Kraft, über Jahre gewachsener Unternehmenskultur wird nicht genutzt, weil Vernunft durch dauernde Agilität erstickt wird. Dies wirkt ermüdend, obwohl mit dem Dabeisein der Erfolg in Aussicht gestellt wird.

"Industrie 4.0" und "Consulting 4.0" sind im Rückblick entstandene Begriffe (Auflistung von Wirtschaftsevolutionsschritten) mit einer vagen Prognose. Was jedoch fehlt, sind begleitende Gedanken über grundsätzliche, lebenswerte und sinnstiftenden Ziele der Gesellschaft und der Entwicklung der Menschen. Dafür sind unsere Instinkte und Fähigkeiten wegweisend. Sie erfordern jedoch die Pflege des Kohärenzgefühls, das nach Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe, wie folgt lautet:

Unternehmenskulturen dürfen nicht dement werden, weil sie die komplexen Verbindungen der nicht sichtbaren Synapsen der Organisation aufrechterhalten und immer wieder neu verknüpfen. Ein wichtiger Beitrag dazu übernimmt das Controlling mit dem Thematisieren von Abweichungen von Qualitäts- und Zielvorgaben. Diese beinhalten immer den Bezug zur Firmen-DNA – Begründungen des Machbaren und des Unmöglichen. Schlussendlich bleibt Controlling am wirksamsten, wenn die Rückbesinnung und Pflege der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten gewährleistet bleiben. Zugleich wird die eigene Unternehmenskultur in ihrer Authentizität gestärkt und beugt der Demenz vor.


 Quellenangaben und Hinweise

Entstehung der Begrifflichkeit Industrie 4.0
Der Begriff wurde von Henning Kagermann, Wolf-Dieter Lukas und Wolfgang Wahlster geprägt und erstmals 2011 zur Hannovermesse in die Öffentlichkeit getragen. Im Oktober 2012 wurden der Bundesregierung Umsetzungsempfehlungen übergeben. Am 14. April 2013 wurde auf der Hannover-Messe der Abschlussbericht mit dem Titel Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 des Arbeitskreises Industrie 4.0 vorgelegt. Der Arbeitskreis stand unter dem Vorsitz von Siegfried Dais (Robert Bosch GmbH) und Henning Kagermann (acatech).
Die Begriffe Erste, Zweite und Dritte industrielle Revolution wurden historisch im Nachhinein gebildet. Die Ziffer 4.0 soll einen Bezug zu den Vorgänger-Revolutionen herstellen und es soll zum Ausdruck kommen, dass die Veränderung eine gleiche Bedeutung hätte. Der Autor Wolfgang Halang kritisiert den selbstreklamierten Anspruch der vierten industriellen Revolution als „sicher vermessen und unseriös“ und bezieht sich auf Rainer Drath: „Bemerkenswert ist die Tatsache, dass erstmals eine industrielle Revolution ausgerufen wird, noch bevor sie stattgefunden hat“.


Prof. em. Dr. Dr. Wolfgang A. Halang, Informationstechnik
(Fernuniversität Hagen)
Wir haben Lehrveranstaltungen in den Bereichen Informationstechnik und Eingebettete Systeme durchgeführt. Unsere Forschungsschwerpunkte waren:
Verläßliche Plattformen für Echtzeitsysteme, Sicherheitsgerichtete eingebettete Systeme, Dynamik von Stromnetzen, Elektromagnetische Verträglichkeit, Chaosregelung und Methoden des Soft Computings, Chaosbasierte Kryptographie, Schwarmverhalten und Schwarmintelligenz

Prof. Dr.-Ing. Rainer Drath, Mechatronische Systementwicklung
HS PF Wir entwickeln Persönlichkeiten; „Die Industrie braucht in Zukunft mehr System¬versteher, Querdenker und kreative Köpfe, die in einer zunehmend digitalisierten Welt mit unterschiedlichen Fachgebieten und Kulturen umgehen können. Das braucht nicht nur Fachkenntnis, sondern auch Weitblick, Persön¬lichkeit und Mut. Das kann man ‚beibringen‘. Ein Studium ist auch Persönlichkeits¬entwicklung jenseits von Fachwissen und Silodenke – und dazu will ich beitragen"

Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster
Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH Vorsitzender der Geschäftsführung und technisch-wissenschaftlicher Leiter. Er ist Mitglied der Nobelpreis-Akademie in Stockholm sowie der deutschen Nationalakademie Leopoldina. Als Mitglied von Beratungsgremien der Bundesregierung wie den Partnern für Innovation und der Forschungsunion hat er Zukunftsprojekte wie Industrie 4.0 und Smart Service Welt mitinitiiert.

Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas
Ist seit 2005 Leiter der Abteilung „Schlüsseltechnologien – Forschung für Innovationen“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Zu seinen Hauptarbeitsfeldern gehören die Technologie- und Innovationsförderung im Rahmen der High-Tech-Strategie der Bundesregierung sowie die Sicherheitsforschung.

Dr. Siegfried Dais, Pysiker
Zum Jahresende 2012 schied er aus der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH aus, bleibt aber weiterhin Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand KG.

Prof. Dr. rer. nat. Dr.-Ing. E. h. Henning Kagermann
Präsident acatech, Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V., München

Raus aus der Demenz-Falle, von Gerald Hüther 
(arkana-verlag gmbh; 2017)
Demenz wird begünstigt durch die Unterdrückung der normalerweise bis ins hohe Alter vorhandenen Regenerations- und Kompensationsfähigkeit des Gehirns. Das Hirn wird so, wie man es mit Freude benutzt. Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung.

letzte Änderung H.R.H.U.R.F.S. am 06.09.2018
Autor(en):  Hans R. Hässig, Roland F. Stoff
Bild:  panthermedia.net / olegdudko

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Der Autor:
Herr Hans R. Hässig und Roland F. Stoff
Hans R. Hässig und Roland F. Stoff sind Autoren des Buches "Unternehmenskultur verstehen" (s. Literaturhinweis). Sie haben langjährige Erfahrung als Führungskräfte auf Geschäftsleitungsebene in KMU’s, auf Konzernebene im In- und Ausland, in der Industrie, der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen. Mit ihren Instrumenten machen sie Unternehmenskulturen sichtbar und prüfen diese auf Ihre jeweilige Authentizität.
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