Fort- und Weiterbildungen in der Finanzbranche

Das Finanzwesen ist eine internationale Branche – das gilt auch für die fachspezifischen Fort- und Weiterbildungen  

So haben ursprünglich US-amerikanische Zertifizierungen für das Finanzwesen wie der CPA (Certified Public Accountant) im Controlling oder der CTP (Certified Treasury Professional) im Treasury in deutschen Stellenausschreibungen schon lange Einzug erhalten. Mit Zertifizierungen in der Finanzbranche gehen ein höherer Professionalisierungsgrad, Spezialisierung und Standards einher, die es Arbeitgebern und Arbeitnehmern erleichtern, Aufgaben und Rollen klar zu definieren.  

Neben diesen etablierten Berufen in der Wirtschaftsprüfung und dem Treasury, in denen Aufgaben, Profile und Standards bereits fest definiert sind, gibt es aber auch relativ junge Berufsprofile wie Financial Planning & Analysis (FP&A), in denen die Professionalisierung gerade erst beginnt. 

Trotz der steigenden Bedeutung von FP&A existierten in diesem Bereich noch bis vor kurzem keine allgemeingültigen Standards. Allein die Bezeichnung für die Funktion ändert sich von Unternehmen zu Unternehmen und wird wahlweise unter FP&A, Business Controlling, Budgeting oder Planning geführt. Gleichzeitig haben FP&A-Fachkräfte je nach Unternehmen oder Situation, in der sie ihre Kenntnisse lernen oder anwenden, auch eine stark variierende Expertise und unterschiedliche Hintergründe. Problematisch wird es, wenn uneinheitliche Verfahren bei der Ausbildung von Fachkräften oder der Durchführung von Aufgaben dazu führen, dass die eigentliche Aufgabe von FP&A – nämlich unabhängig und unvoreingenommen auf der Grundlage von Daten aus dem Unternehmen zu planen und analysieren – ins Hintertreffen gerät.  Zertifizierungen im Bereich FP&A, wie sie beispielsweise von der Association for Financial Professionals angeboten werden, können für die Branche also nur von Vorteil sein. 
Das Herzstück der FP&A-Funktion ist das Verständnis davon, welche Daten in einem Unternehmen relevant sind und ihre Analyse, um eine Prognose über die zukünftige Entwicklung des Unternehmens abzugeben. Dazu gehört zudem die Erstellung von Finanzplänen und, wenn nötig, deren Anpassung. Wie ein Unternehmen organisiert ist und sich seinem Wettbewerberumfeld anpasst, kann Wettbewerbsvorteile bedeuten. Unternehmen möchten gegen widrige Marktentwicklungen resistent sein und gleichzeitig Chancen nutzen. Genaue Prognosen sind entscheidend, um dieses Ziel zu erreichen. FP&A-Fachkräfte sammeln Informationen und Daten für Analysen, erstellen Budgets, Prognosen und Jahrespläne, analysieren, integrieren und konsolidieren Daten aus unterschiedlichen Geschäftsbereichen.

Auf der Grundlage ihrer Arbeit – und abhängig von deren Qualität – können sich Unternehmen so im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf zukünftige Entwicklungen einstellen. In Deutschland ist FP&A noch kaum bekannt. Sucht man nach dieser Jobbezeichnung jeweils auf internationalen Online-Jobbörsen, so fallen die Ergebnisse sehr unterschiedlich aus. Auf den angelsächsischen Seiten wird speziell nach Fachkräften aus diesem Bereich gesucht: In den USA beispielsweise tauchen 1000+ Ergebnisse auf - auf dem deutschen Portal lediglich zehn – aber auch nur in den Stellenausschreibungen von Jobprofilen wie Business Analytics, Finance Business Analyst, Controlling, Treasury, Finance Manager oder Business Controller. Denn die Aufgaben, die in den USA von FP&A –Fachkräften ausgeführt werden, existieren natürlich auch in Deutschland.

Hierzulande werden sie von anderen Unternehmensbereichen wie der Buchhaltung, Analysten oder dem Controlling ausgeführt. Dabei ist insbesondere FP&A in der aktuellen Situation besonders wichtig: Die schwankenden und unsicheren Märkte der vergangenen Jahre machen die Bedeutung sorgfältiger Kalkulationen für die Planung nur noch deutlicher: "Die aktuelle Marktlage hat jede Branche unterschiedlich beeinflusst. Jedoch bringt ein starkes Planungsteam jedes Unternehmen in eine günstigere Position, um seine Strategie weiterhin erfolgreich zu verfolgen", so Ricardo Losado Revol, Leiter der Finanz- und Planungsabteilung bei World Fuel, einem globalen Brennstofflieferanten. "In Zukunft werden deshalb immer mehr Unternehmen auf FP&A setzen, um zu erkennen, was für sie im aktuellen Markt erreichbar ist und was nicht." 

Angesichts der Unsicherheit der vergangenen Jahre und der zunehmenden Schnelllebigkeit der Wirtschaft, sollte der Zweig Forecasting eine immer wichtigere Rolle für die Finanzabteilung eines Unternehmens spielen. Allerdings zeigen mehrere Studien, dass die Bedeutung von FP&A keineswegs einfach in Zahlen zu messen ist. Aktuellen Umfragen der Beratungsunternehmen KPMG und The Hackett Group zufolge hat der Großteil der Chief Financial Officers (CFOs) den Fokus auf die Verbesserungen von FP&A-Funktionen gelegt. Im Gegensatz dazu besagt eine AFP-Risiko-Umfrage von 2013, dass nur 13 Prozent der Führungskräfte signifikante Änderungen in ihren Prognose- und Planungsmechanismen durchgeführt haben.

Laut dem Amerikanischen Zentrum für Produktivität & Qualität (APQC) stufen 64 Prozent der Top-Manager den Fachkräftemangel im Bereich FP&A trotz seiner wachsenden Bedeutung am größten ein. Dies liegt natürlich zum einen an der relativen Jugend des Berufsfelds, aber auch an einem Mangel an qualifizierten Kandidaten. Viele amerikanische Unternehmen erkennen diesen Mangel an Nachwuchs im Bereich Finanzplanung langsam als Risiko. Sie beginnen damit, Maßstäbe zu setzen und durch ein hohes Niveau an funktionellem Wissen unter den Mitarbeitern für zuverlässigere Ergebnisse zu sorgen. 

Arbeitgeber, die gewillt sind, die benötigten Kompetenzen für FP&A-Jobs zu definieren und die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, werden in Zukunft besser dazu in der Lage sein, Talente zu binden und ihre professionelle Weiterentwicklung zu gewährleisten. Auf der Karriereleiter können anerkannte Standards und Leistungsnachweise für eine bessere Vermarktung und Vergleichbarkeit sorgen.
 


Der Autor: James A. Kaitz, Präsident & CEO Association for Financial Professionals

Jim Kaitz.jpgJim Kaitz ist Präsident und CEO von AFP, der Verband von mehr als 16.000 Treasury- und Finanzexperten weltweit. AFP entwickelt und vollzieht mehrere Qualifikationen, darunter der Certified Treasury Professional® und der neu ins Leben gerufene Certified Corporate Financial Planning & Analysis Professional® und setzt so neue Maßstäbe im Treasury und Finanzwesen. Die AFP-Jahrestagung ist die weltweit größte Netzwerkveranstaltung für Corporate-Finance-Experten. Davor war Kaitz Executive Vice President und Chief Operating Officer des Financial Executives Instituts (FEI), einem Berufsverband von mehr als 14.000 Führungskräften, der 8.000 hochrangige Führungskräfte aus der Finanzbranche in den Vereinigten Staaten vertritt. Bevor er 1988 dem FEI beitrat, war Kaitz Vice President für Government Relations und Manager Trade and Business Affairs der Baxter Healthcare Corporation in Washington. Von 1978 bis 1982 war er Assistent von James Shannon, Mitglied des US-Repräsentantenhauses. Er erhielt 1978 seinen Abschluss von der Georgetown University.

letzte Änderung W.V.R. am 25.07.2018
Autor(en):  Jim Kaitz
Bild:  panthermedia.net / Werner Heiber

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